Textsammlung

Archiv der Wochentexte
179 Fe

Du sendest Schätze mich zu schmücken! / Den Spiegel hab ich längst nicht ange­blickt. / Seit ich entfernt von deinen Blicken, / Weiss ich nicht mehr was ziert und schmückt.

178 Aichinger

Gib mir den Mantel, Martin, / aber geh erst vom Sattel / und lass dein Schwert, wo es ist, / gib mir den ganzen.

177 Bhavabhuti

Voll vom Duft blühender Arjuna-Bäume – / im Regensturm wehend, / rollt der Ost­wind / dunkle Saphire, / die Wolken, daher. / Das Wasser befreit den Wohlgeruch der Erde. / Glück verheissen nun die Tage, / die schweben / zwischen Scheiden und An­kunft.

176 Rumi

So bin ich nun glücklich dem Freunde verbunden heut nacht! / Mein Herz ist den Qua­len der Trennung entwunden heut nacht. / Ich tanz mit dem Freunde und spreche im Stillen zu mir: / Ach würde der Schlüssel zum Tag nicht gefunden heut nacht.

175 Baldursdóttir

Auf dem Weg nach Akureyri haben wir die ganze Insel umrundet, und als wir in Sey­ðis­fjörður angehalten haben, um dänische Plunderteilchen zu essen, hat uns eine al­te Frau das erzählt, die mit uns reiste und sich da am Ort gut auskannte, denn sie war früher Dienstmädchen bei einem Kaufmann im Osten gewesen, und der hatte ein Telefon, und dessen alte Amme hatte eine solche Angst vor dem Apparat, dass sie je­des Mal mit einem Besenstiel darauf losging, wenn es bimmelte. Es endete damit, dass sie den Apparat kaputtgeschlagen hat, und der Kaufmann hat erst einen neuen an­geschafft, als seine alte Amme bettlägerig war und keinen Besen mehr schwingen konnte!

174 Patursson

„Ja“, sagte er, „das ist der grösste Schatz, den unser Dorf an Oluva besitzt. Es kommt nicht selten vor, dass ich sie auf einem Grasstück neben dem Wege mit dem Stock in der Hand sitzen sehe, umringt von einer neugierigen Kinderschar, die lauscht und lauscht alle dem, was sie erzählt. Ich meine, dass sie das meiste aus ih­rem eigenen Herzen schöpft, obwohl ich weiss, dass sie auch liest. Wir Eltern haben ihr viel zu danken. Solche Menschen sind Goldes wert.“

173 Roth

In Neuengland war der Sommer des Jahres 1998 herrlich warm und sonnig, im Base­ball war es der Sommer eines gewaltigen Frömmigkeitsanfalls, eines Reinheitsan­falls, denn der internationale Terrorismus, der den Kommunismus als grösste Bedro­hung der nationalen Sicherheit ersetzt hatte, wurde seinerseits durch Schwanzlut­schen ersetzt, und ein viriler, jugendlicher Präsident in mittleren Jahren und eine ver­knallte, draufgängerische einundzwanzigjährige Angestellte führten sich im Oval Of­fice auf wie zwei Teenager auf einem Parkplatz und belebten so die älteste gemein­sa­me Leidenschaft der Amerikaner wieder, die historisch betrachtet vielleicht auch ihre trügerischste und subversivste Lust ist: die Ekstase der Scheinheiligkeit.

172 Tadjo

Étrangère dan le pays où je sui née / Mais n’ai jamais vécu / Étrangère dans le pays où je vis / Mais ne suis jamais née / Étrangère là, maintenant / Étrangère à moi-même. Ich bin fremd im Land in dem ich geboren wurde / aber nie gelebt habe / Fremd im Land in dem ich lebe / aber nie geboren wurde / Fremd hier, jetzt / mir selber fremd.

171 Brontë

False she was, and unrelenting. / When my last joys strewed the ground / Even Sor­row saw repenting / Those sad relics scattered round; // Hope – whose whisper would have given / Balm to all that frenzied pain – / Stretched her wings and soared to heaven; / Went – and ne’er returned again! Falsch war sie und mitleidslos. / Als meine letzten Freuden verstreut am Boden lagen / Sah sogar die Trübsal Reue empfinden / Für jene traurigen Überbleibsel, ringsum ver­teilt; // Die Hoffnung – deren Flüstern / Balsam gewesen wäre für jeden Wahn­sinns­schmerz – / Breitete ihre Flügel aus und entschwebte zum Himmel; / Ging – und kam nie mehr wieder!

170 Atwood

Sollst du sprechen oder nicht? Die Frage stellt sich immer wieder, wenn du glaubst, du hast, wieder einmal, zuviel gesagt. Ein weiteres Bündel Substantive, eine Faust­voll: Sieh nur, wie die Wortverkäufer sie drehen und wenden, wie sie hier und da ein wenig drücken, um zu sehen, ob sie bereits angefault sind. Mit den Verben ist es nicht besser, sie ziehen sie auf, lassen sie laufen, lassen sie sich über den Tisch quä­len, ziehen sie wieder auf, diesmal zu fest, und die Feder springt.

169 Thomése

Eine Frau, die ihren Mann begräbt, wird Witwe genannt, ein Mann, der ohne seine Frau zurückbleibt, Witwer. Ein Kind ohne Eltern ist eine Waise. Wie aber heissen Va­ter und Mutter eines gestorbenen Kindes?

168 Bille

In seinen Predigten malte er bis in alle Einzelheiten die Qualen der Verdammten aus und das Glück der Erwählten, als ob das Leben nicht selber dafür sorgte, bald ein Fe­­­gefeuer, bald eine Hölle und gelegentlich sogar ein Paradies zu sein. Ach, er be­griff nicht, dass er diesen Gott, den er anbetete, zum zweitenmal ans Kreuz schlug in der Seele seiner Gläubigen, indem er ihn zu einem grausamen, rächenden Gott mach­­te.

166 Machado

Fe empirista. Ni somos ni seremos. / Todo nuestro vivir es emprestado. / Nada traji­mos; nada llevaremos. // Empirischer Glaube. / Ni somos ni seremos. Weder sind wir noch werden wir sein. / Unser ganzes Leben ist ausgeliehen. / Nichts haben wir eingebracht. Nichts werden wir mitnehmen.

165 Kadare

„Der erste in albanischer Sprache niedergeschriebene Satz“, erklärte Arian Vogli, nach­dem er die Stelle wiederholt abgehört hatte. „Der absolut erste“, wiederholte er, wobei er sich in der Runde umblickte. Doch die übrigen Anwesenden starrten nur im­mer das Tonbandgerät an, und als Naum sich ihm schliesslich zuwandte, entdeckte er in seinen Augen nichts anderes als die Frage: Ja und? / Nichts, dachte der Chef und sagte laut: „Gebt sofort der Zentrale Bescheid.“

164 Calderón de la Barca

¿Qué es la vida? Un frenesí. / ¿Qué es la vida? Una ilusión, / una sombra, una fic­ción, / y el mayor bien es pequeño: / que toda la vida es sueño, / y los sueños, sue­ños son. Was ist das Leben? Ein Wahnsinn. / Was ist das Leben? Eine Einbildung, / ein Schat­ten, ein Trugbild, / und das höchste Gut ist klein: / Denn das ganze Leben ist ein Traum, / und Träume sind (nichts als) Träume.

163 Aitmatow

O grosser Fluss Enessai! Stürzt man einen Berg in deine Tiefe, dann verschwindet er wie ein Stein. Wirft man eine hundertjährige Kiefer hinunter, dann trägst du sie fort wie einen Span. Nimm zwei winzige Sandkörnchen in deine Fluten auf – zwei Men­schenkinder. Auf Erden ist für sie kein Platz. Muss ich es dir erklären, Enessai? Wür­den die Sterne zu Menschen, dann würde ihnen der Himmel nicht reichen. Würden die Fische zu Menschen, dann würden ihnen die Flüsse und Meere nicht reichen.

162 Klabund

Alexander VI. ist ausser sich vor Glück. Er hat das höchste Spiel mit dem höchsten Einsatz gewonnen. / Wir sind im Anmarsch, wir Borgia. Im Anmarsch, Gott, zu Dei­nem Thron. Wir haben die erste Sprosse der Jakobsleiter schon betreten. / Nun geht es aufwärts, unaufhaltsam aufwärts, durch Wolken und Winde, Gewitter und Hagel, Blit­ze und Sterne hindurch: / bis zu Dir, denn Du bist der Vater im Himmel, und der Va­ter der Borgia. / Wenn wieder ein Gottessohn auf die Erde steigen wird, die Mensch­heit zu erlösen, so wird es ein Borgia sein. / Rom machte Cäsar gross, aber nun hebt Alexander kühn es zum Gipfel empor, Mensch jener – dieser ein Gott. / So jubelte und lästerte der Papst.

161 Kubin

Bürger von Perle! / Als ich hierher kam, dachte ich, ein Land von feenhafter Pracht zu schauen! Euch ging es wohl allen ebenso. Sieben Jahre lang wandte ich mich mit Bit­ten um Aufnahme in den Traumstaat an Patera. Endlich gewährte er meinen Wunsch; doch es wäre besser gewesen, wenn er auf seiner Weigerung bestanden hät­te. Ich fand ein Reich, in welchem der Unsinn herrscht! Nur das grosse Mitleid mit euch veranlasst mich, euch die Augen zu öffnen. Ist euer Leben schon verdammt? Nein! Und noch einmal nein! Aber ruhelos, unglücklich seid ihr! Das müsst ihr mir zu­geben, alle, jeder! Einem Schwindler seid ihr in die Falle gegangen, einem Hochstap­ler, einem Magnetiseur. Er hat euch um eure Gesundheit, euer Hab und Gut und euern Verstand gebracht! Unglückliche! Ihr seid einer Massenhypnose verfallen! Kei­ner gehorcht mehr seiner eigenen Vernunft. Nein, die fremde Suggestion in seinem Schädel hält er für eigene Gedanken! So lasst ihr euch zu Tode hetzen, und dieser Teufel findet daran seinen Spass!

160 Luther

Damit wir von Grund aus erkennen mögen, was ein Christenmensch ist und wie es mit der Freiheit bestellt ist, die ihm Christus erworben hat (wovon S. Paulus so viel schreibt), will ich folgende zwei Sätze aufstellen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

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