Textsammlung

Archiv der Wochentexte
260 Plessen

Noch vor dem Frühling: / Jetzt will ich reisen / die Träume / Vogel / Sonnenwind und Meer / und ich lese / schwirr wirr / Namen / Ione, Atthis / das Licht / In Gedichten, / ich lade mich den Worten auf / ‘... und Jupiter in seiner Gänse Obhut …’

259 Schmid

du sagst du weisst nicht mehr / ob es dein traum war oder meiner / am bettende mit noch nassem haar / stülpst du das licht in deine / tasche und zuckst die schultern // auf dem tisch liegen krumen und / der rest vom satz die tür ist noch / auf der müll schon raus so beginnt / der tag ohne naht

258 Kennedy

Wen haben Sie verloren? Gott. Keinen Menschen? Er verstand nicht. Aber sie konnte ver­­suchen, sich ihm verständlich zu machen. Mehr als einen Menschen. Jemand, der Al­les war, in allem. Es gab nichts auf der Welt, worin ich Ihn nicht finden und berüh­ren konnte. Alles Erschaffene – ich konnte sehen und riechen, dass es tatsächlich er­schaffen worden war. Ich konnte schmecken, was Er berührt hatte. So gross war Sei­ne Liebe. Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn eine so grosse Liebe einen oh­ne vorstellbaren Grund verlässt?

257 de Noailles

Ich weiss nun: ob wir wachen, ob wir steuern, / Es droht nur düstre Landung unsren Booten. / Was soll uns Wünschen, Hoffen und Erneuern? – / Das ganze Weltall ruht nur auf den Toten.

256 Labé

Ich leb, ich sterbe, brenne und ertrinke, / Ich fühl mich fiebern, fühl im Frost mich be­ben, / Bald ist zu streng mir, bald zu mild das Leben, / Und Lust füllt mich, wie ich im Weh versinke. // Im selben Augenblick lach ich und klage, / Mitten im Wohlsein wird mir schlimm und schlimmer; / Mein Glück entweicht, mein Glück bleibt mir für immer, / Welkend ergrüne ich am gleichen Tage.

255 Hulme

Worte stehen stumm auf Papier. Ich lese keinen Sinn. Ich glaube nicht, dass ich sie geschrieben habe. Wer hat mit meiner Hand geschrieben?

254 Gavalda

Er hält mir meinen schwarzen Mantel hin und da … / Ich bewundere das Werk des Künst­lers, Hut ab, sehr unauffällig, fast unmerklich, bestens berechnet und überaus geschickt macht er das: Während er ihn auf meine nackten, gefälligen und seiden­wei­chen Schultern legt, findet er die notwendige halbe Sekunde und die perfekte Kopf­neigung zur Innentasche seiner Weste, um einen Blick auf das Display seines Handys zu werfen. / Mein Kopf ist wieder klar. Mit einem Schlag. / Verräter.

253 Wharton

Ich habe neulich im Buch eines Modeautors gelesen, die Gespenster seien ver­schwun­­den, weil das elektrische Licht aufkam. Welch ein Unsinn! Der Autor, der auf dem Gebiet des Übernatürlichen gerne dilettiert, hat sein Thema nicht einmal ge­streift. Wenn es um turmbewehrte, von geköpften Opfern mit klirrenden Ketten be­wach­te Schlösser und komfortable Vorstadthäuser mit Kühlschrank und Zentralhei­zung geht, wo man, sobald man sie betritt, spürt: irgendwas stimmt hier nicht – ziehe ich für den Schauer, der einem über den Rücken läuft, letztere vor. Und ist es nicht auf­­fällig, dass es im allgemeinen nicht die Überempfindlichen und Phantasiebegab­ten sind, die Gespenster sehen, sondern die ruhigen, nüchternen Leute, die nicht an sie glauben und sicher sind, es würde ihnen nichts ausmachen, wenn sie eines sä­hen?

252 Busta

Lang ist das Licht unterwegs, / manchmal inmitten der Nacht / kommt ein vergange­ner Stern an. // In uns bauen uralte / Himmel sich neu und leuchten, / also vollziehn wir noch immer / Botschaft des ersten Lichts. // Auch die Geduld unsrer Liebe - / Wun­der, in wievielen Nächten / unerkannt ausgestirnt - / wen wird sie erreichen?

251 Bamm

Nach drei Minuten hörten wir den nächsten Abschuss. Der Einschlag lag diesmal et­was näher. Wieder sahen wir einander an. Alle drei waren wir alte Soldaten. Das Merk­mal des alten Soldaten ist, dass er vermeidbare Risiken vermeidet. Es war Zeit, in den Keller zu gehen. Der zweite Satz ging zu Ende. Sollen wir, oder sollen wir nicht? Mitten im dritten Satz hörten wir den dritten Abschuss. Ich fragte Mokassin: Willst du nicht lieber in den Keller gehen? Mokassin sah mich böse an: Meen’ Se, ick wär nich’ musikalisch? Na, mein Tapferer, nicht gleich einschnappen! Prost! Wir tran­ken. Mokassin schenkte wieder ein. Das Scherzo war zu Ende. Regau sagte: Jetzt kommt das schönste Stück Musik, das es auf der Welt gibt. Die Posaunenchöre im vierten Satz! Das ist wie von Engeln gespielt.

250 Miegel

Der es gegeben / Dass ich so jung dich fand, / Gott hielt dein und mein Leben / Wie Blu­men in seiner Hand. // Dass er die eine / Verwarf und zertrat, / Er weiss alleine / Warum er es tat.

249 Schwarz

Aurora kompt herfür, sie zeiget aufzustehen / Und nach Gebühr und Recht ein’n je­den hin zu gehen, / Wo seine Arbeit wacht; ich gehe nun auch hin / An meine schwe­re Last, die Lieb ist mein Beginn.

248 Lindgren

Mama, sagte er schluchzend, ich konnte keine Rute finden, aber hier hast du einen Stein, den du auf mich werfen kannst! Er reichte mir einen Stein, den grössten, der in sei­ner kleinen Hand Platz fand. Da begann auch ich zu weinen, denn ich verstand auf einmal, was er sich gedacht hatte: Meine Mama will mir also weh tun, und das kann sie noch besser mit einem Stein. Ich schämte mich. Und ich nahm ihn in die Ar­me, wir weinten beide, soviel wir konnten, und ich dachte bei mir, dass ich niemals, nie­mals mein Kind schlagen würde. Und damit ich es ja nicht vergessen würde, nahm ich den Stein und legte ihn in ein Küchenregal, wo ich ihn jeden Tag sehen konn­te, und da lag er so lange, bis Johan gross war.

247 Seghers

Dieser Dom über der Rheinebene wäre mir in all seiner Macht und Grösse im Ge­dächt­nis geblieben, wenn ich ihn auch nie wiedergesehen hätte. Aber ebenso wenig kann ich ein anderes Denkmal in meiner Heimatstadt vergessen. Es bestand nur aus einem einzigen flachen Stein, den man in das Pflaster einer Strasse gesetzt hat. Hiess die Strasse Bonifaziusstrasse? Hiess sie Frauenlobstrasse? Das weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur, dass der Stein zum Gedächtnis einer Frau eingefügt wur­de, die im ersten Weltkrieg durch Bombensplitter umkam, als sie Milch für ihr Kind ho­len wollte.

246 Katz

«Zum erstenmal, dass ich ihn so einen Blick werfen seh’ …», gähnte der müde Ver­wand­te von irgendwoher. «Ist denn das ein so besonderer Blick?» fragte wütend der Reisende Aron Amtmann, der sich die Wut aber nicht ansehen lassen wollte. «Na, ich danke! Das ist doch ein richtiger Räuberblick», erklärte grossartig der ‘Herr Stu­dent’. Schüchtern fragte ihn eine blutjunge Base aus Sambor: «Woran sieht man denn das, Vetter?» «Das weisst du nicht? So etwas Begehrendes, Selbstvergesse­nes und Sinnliches steckt darin», verriet ihr mit starkem Pathos der damals recht wil­de ‘Herr Student’. «Oho!» flötete die freche Flöte. «Er guckt sie an wie ein Mann», stammelte Malke überrascht. Riwke Singer meinte aufklärend: «Er ist doch ‘n Mann, dein Sohn.»

245 Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī

Es gab eine Zeit, da ich meinen Nächsten ablehnte, / wenn sein Glaube nicht der Mei­­ne war. // Heute ist mein Herz Herberge für alle Religionen: / Weide für Gazellen und Kloster für Christenmönche, / Tempel für Götzenbilder und Kaaba für Pilger, / es ist Gefäss für die Tafeln der Thora und die Verse des Koran. // Denn meine Religion ist die Liebe, / und wohin auch ihre Karawane zieht, / dort ist auch mein Weg. / Denn die Liebe ist mein Bekenntnis und mein Glaube.

244 Azorin

Empfindet ihr nicht eine tiefe Liebe zu den Bahnhöfen? Die Bahnhöfe, in den grossen Städten, sind es, die jeden Morgen zuerst das unerbittliche Leben des Alltags wec­ken. Und zuallererst sind es die Laternen der Bahnarbeiter, die vorbei gehen, sich kreuzen, kreisen, zurückkommen, sich von einer Seite zur andern wenden, hart am Boden, geheimnisvoll, geschäftig, verschwiegen. Und dann sind es die Handkarren, die mit Knarren und Kreischen einsetzen. Später der dumpfe, ferne Lärm der Wagen, die einfahren. Und noch später die Menschenflut, welche durch die weiten Portale dringt und sich verstreut hierhin, dorthin, in der mächtigen Halle.

243 Ekinci

Ilyas zieht den Handkarren weiter. Mirza und Azad stützen den Fernseher rechts und links. Sie kommen in die Nähe der Höhle, die auf dem Weg runter zum Bach liegt. Die Kinder tragen den ins Bettlaken eingeschlagenen Fernseher zur Höhle am Bach. Sie sprechen nicht. Sie verständigen sich mit Handbewegungen. Vier Kinder, in sich versunken, die schweigen. Als ob jemand aus der Ferne sie hören oder sehen könn­te. Sie tragen den Fernseher bis zum Höhleneingang. Sie schleppen den Fernseher bis zur hinteren Ecke der Höhle. Dort legen sie einen Stein darauf und bedecken ihn dann mit trockenem Gestrüpp.

242 Lindt

Zuallerletzt, als der Gantrufer die Steigerung schon für beendet erklären wollte, trat Dahinden mit seinem Hofhund in die Mitte des Ringes und erklärte, er habe leider keine Verwendung mehr für den Hund: Ob ihn vielleicht jemand brauchen könnte? Schwanzwedelnd stand das Tier neben dem Meister, kläffte übermütig in die Reihen der Bauern und wusste nicht, dass sich in diesem Augenblick seine Zukunft ent­schied.

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