Textsammlung

Archiv der Wochentexte
166 Machado

Fe empirista. Ni somos ni seremos. / Todo nuestro vivir es emprestado. / Nada traji­mos; nada llevaremos. // Empirischer Glaube. / Ni somos ni seremos. Weder sind wir noch werden wir sein. / Unser ganzes Leben ist ausgeliehen. / Nichts haben wir eingebracht. Nichts werden wir mitnehmen.

165 Kadare

„Der erste in albanischer Sprache niedergeschriebene Satz“, erklärte Arian Vogli, nach­dem er die Stelle wiederholt abgehört hatte. „Der absolut erste“, wiederholte er, wobei er sich in der Runde umblickte. Doch die übrigen Anwesenden starrten nur im­mer das Tonbandgerät an, und als Naum sich ihm schliesslich zuwandte, entdeckte er in seinen Augen nichts anderes als die Frage: Ja und? / Nichts, dachte der Chef und sagte laut: „Gebt sofort der Zentrale Bescheid.“

164 Calderón de la Barca

¿Qué es la vida? Un frenesí. / ¿Qué es la vida? Una ilusión, / una sombra, una fic­ción, / y el mayor bien es pequeño: / que toda la vida es sueño, / y los sueños, sue­ños son. Was ist das Leben? Ein Wahnsinn. / Was ist das Leben? Eine Einbildung, / ein Schat­ten, ein Trugbild, / und das höchste Gut ist klein: / Denn das ganze Leben ist ein Traum, / und Träume sind (nichts als) Träume.

163 Aitmatow

O grosser Fluss Enessai! Stürzt man einen Berg in deine Tiefe, dann verschwindet er wie ein Stein. Wirft man eine hundertjährige Kiefer hinunter, dann trägst du sie fort wie einen Span. Nimm zwei winzige Sandkörnchen in deine Fluten auf – zwei Men­schenkinder. Auf Erden ist für sie kein Platz. Muss ich es dir erklären, Enessai? Wür­den die Sterne zu Menschen, dann würde ihnen der Himmel nicht reichen. Würden die Fische zu Menschen, dann würden ihnen die Flüsse und Meere nicht reichen.

162 Klabund

Alexander VI. ist ausser sich vor Glück. Er hat das höchste Spiel mit dem höchsten Einsatz gewonnen. / Wir sind im Anmarsch, wir Borgia. Im Anmarsch, Gott, zu Dei­nem Thron. Wir haben die erste Sprosse der Jakobsleiter schon betreten. / Nun geht es aufwärts, unaufhaltsam aufwärts, durch Wolken und Winde, Gewitter und Hagel, Blit­ze und Sterne hindurch: / bis zu Dir, denn Du bist der Vater im Himmel, und der Va­ter der Borgia. / Wenn wieder ein Gottessohn auf die Erde steigen wird, die Mensch­heit zu erlösen, so wird es ein Borgia sein. / Rom machte Cäsar gross, aber nun hebt Alexander kühn es zum Gipfel empor, Mensch jener – dieser ein Gott. / So jubelte und lästerte der Papst.

161 Kubin

Bürger von Perle! / Als ich hierher kam, dachte ich, ein Land von feenhafter Pracht zu schauen! Euch ging es wohl allen ebenso. Sieben Jahre lang wandte ich mich mit Bit­ten um Aufnahme in den Traumstaat an Patera. Endlich gewährte er meinen Wunsch; doch es wäre besser gewesen, wenn er auf seiner Weigerung bestanden hät­te. Ich fand ein Reich, in welchem der Unsinn herrscht! Nur das grosse Mitleid mit euch veranlasst mich, euch die Augen zu öffnen. Ist euer Leben schon verdammt? Nein! Und noch einmal nein! Aber ruhelos, unglücklich seid ihr! Das müsst ihr mir zu­geben, alle, jeder! Einem Schwindler seid ihr in die Falle gegangen, einem Hochstap­ler, einem Magnetiseur. Er hat euch um eure Gesundheit, euer Hab und Gut und euern Verstand gebracht! Unglückliche! Ihr seid einer Massenhypnose verfallen! Kei­ner gehorcht mehr seiner eigenen Vernunft. Nein, die fremde Suggestion in seinem Schädel hält er für eigene Gedanken! So lasst ihr euch zu Tode hetzen, und dieser Teufel findet daran seinen Spass!

160 Luther

Damit wir von Grund aus erkennen mögen, was ein Christenmensch ist und wie es mit der Freiheit bestellt ist, die ihm Christus erworben hat (wovon S. Paulus so viel schreibt), will ich folgende zwei Sätze aufstellen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

159 San Win

Vater, es erscheint wie ein Traum, dass wir so plötzlich voneinander getrennt wurden, nicht wahr? In Wirklichkeit ist dieses ganze Leben ein einziger langer Traum voller Sehnsüchte. Du, Vater, bist einem solchen Traum entkommen. Wir müssen ihn wei­ter­träumen und uns Hoffnungen machen, Vater. Wir müssen ihn weiterträumen.

158 Than Tint

Nur anhand seiner Wäsche habe ich herausgefunden, dass der Junge sich erst un­glück­lich verliebt hat und dann schlechte Gewohnheiten angenommen hat. Von all meinen Kunden werde ich mich bestimmt immer an ihn erinnern. Ich bin schon lange hier und habe viele von ihnen miterlebt. Sie gehen von der Universität ab, verdienen viel Geld als Geschäftsmänner, Beamte oder Kaufleute. Und alle begegnen mir ir­gend­wann einmal wieder. Ihn aber habe ich seitdem nie mehr gesehen.

157 Gosh

Am Osttor warteten zwei Kutschen. Es waren Ochsenkarren, Yethas, die gewöhn­lichsten Gefährte, die auf den Strassen von Mandalay zu finden waren. Der erste Karren war mit einem zeremoniellen Baldachin ausgestattet worden. Gerade als er den Karren besteigen wollte, bemerkte der König, dass sein Baldachin aus sieben Lagen bestand, der Anzahl, die einem Edelmann zustand, anstelle der neun, die einem König gebührten.

156 Lagerlöf

Jeden Tag hatte er in langen Gebeten zu Gott um Hilfe gefleht. Nun wollte er noch ein Gebet zu ihm emporsenden, aus der grossen stummen Einsamkeit hier oben in der Wildnis. / Und er begann, in den Stein zu graben, was sein Herz in dieser Un-glückszeit stündlich rief: Gott hilf uns. Es war eine Arbeit, die seine ganze Kraft erforderte. Aber sie tat ihm wohl. Während er das Gebet in den Stein ritzte, dünkte es ihn, dass der weite graue See und die schwarzen Tannen der Ufer und der niedrige schwere Winterhimmel zu einem grossen Gotteshause wurden.

155 Colonna

Vorrei l’orecchia aver qui chiusa e sorda, / Per udir coi pensier più fermi e intenti / L’alte angeliche voci e i dolci accenti / Che certa pace in vero amor concorda. // Spira un aer vital fra corda e corda / Divino e puro in quei vivi instrumenti, / E sì move ad un fine i lor concenti, / Che l’eterna armonia mai non discorda. Ich wünschte, ein Ohr zu haben, das sich schliesst und ertaubt, / Um deutlicheren und genaueren Sinnes zu hören, / Wie die hohen Stimmen und süssen Tonfälle von En­geln / Sicheren Frieden brin­gen, einträchtig in wah­rer Liebe. // Es weht ein leben­di­ger Hauch von Saite zu Saite, / Göttlich und rein durch diese belebten Instrumente, / Und bewegt sich zum Zweck ihrer Einklänge, / Dass ewige Harmonie sei, die nie­mals entzweie.

154 Rehmann

Dein Zimmer wird mein Arbeitsraum werden, grösser und heller als das Kabuff, mit dem ich bisher vorliebnehmen musste. Natürlich wir es immer ein Bett für dich ge­ben, aber ein Erinnerungszimmer will ich nicht, keinen Abstellraum, aus dem Vergan­genheit mir entgegenfällt, wenn ich die Tür öffne.

153 Wolf

Begreifen, dass wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden, darauf haben wir keinen Einfluss. Das zu belachen, ist men­schenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.

152 Boullosa

Das Zeichen des Wunders ist beunruhigend. Das des Glaubens bürgt dagegen für Ruhe. Der Glaube setzt einen Hang zur moralischen Norm voraus. Das Wunder kennt keine Skrupel, alles ist ihm erlaubt. Aufs Wunder kann jeder zurückgreifen. Der Gläubige muss dagegen an das Auge Gottes denken, das streng über allem wacht.

151 Cabrera Infante

Die Legende erzählt, der Geistliche habe sich dem Indianer noch mehr genähert und ihm angeboten, er könne in den Himmel kommen. Der Indianerhäuptling konnte nur we­nig Spanisch, aber er verstand genug und begriff hinlänglich, um zu fragen: Und die Spanier, auch die in Himmel kommen? Ja, mein Sohn, sagte der gute Pater durch den beissenden Rauch und die Hitze, die guten Spanier kommen auch in den Him­mel, sagte er in väterlichem, wohlwollendem Ton. Da hob der Indianer sein stolzes Ka­zikenhaupt mit dem langen, fettigen, hinter den Ohren zusammengebundenen Haar und dem Adlerprofil, das noch heute auf den Flaschenetiketten einer Biermarke seines Namens zu sehen ist, und sagte ruhig durch die Flammen hindurch: Ich lieber nicht in Himmel, ich lieber in Hölle.

150 Hettche

Im Frühjahr blühen hier Scharbockskraut und Sumpfdotterblume, später im Jahr Sumpfcalla, Wasserschwertlilie und Blutweiderich. An den flachen Ufern breite, un­durchdringliche Röhrichtgürtel, in denen unzählige Vögel brüten. Eiszeitliche Bildun­gen all das, Endmoränen, Urstromtal. Nichts auf der Pfaueninsel steht sicher in sei­ner Zeit. Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt. Die Königin atmete tief durch. Wo war der Ball?

149 Ammann

Er sei einer von denen gewesen, sagte der Internierte, die auf Hitlers Frage, ob sie den totalen Krieg wollten, nein gesagt hätten. Mit welchen Folgen, sei ja inzwischen bekannt, da wolle er gar kein Aufhebens mehr machen. Was ihn aber nach wie vor beschäftige, seien die anderen. / Er stand da, sehr alt und sehr jung, in den vier Wän­den des Wahnsinns, und betrachtete aus seinem schmalen Fenster ungläubig die Welt.

148 Gerhardt

Ich lag in tiefster Todesnacht, / Du warest meine Sonne, / Die Sonne, die mir zuge­bracht / Licht, Leben, Freud und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glau­bens in mir zugericht’t, / Wie schön sind deine Strahlen.

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