Textsammlung

Archiv der Wochentexte
189 Appanah

Wenn ich einmal tot bin und mein Sohn mein Haus leer räumt, wird er auf meinem Schrank einen kleinen Koffer voller Radiergummis finden, die ich im Laufe meines Lebens gesammelt habe. Ich konnte nicht anders, auf jeder Reise auf der Insel oder ins Ausland kaufte ich in verschiedenen Grössen und Farben Radiergummis. Mein Sohn wird das nicht verstehen, er wird es für die Marotte eines alten Mannes halten. Vielleicht sollte ich ihm erklären, dass das meine Art war, die zerstörerische Kraft der Zeit zu überlisten, den Tod hinauszuschieben und die Illusion aufrechtzuerhalten, man könnte alles auslöschen, um dann besser wieder von vorn zu beginnen.

188 Winman

I rest till I’m calm and my breathing has settled. I lift myself out and sit by the edge of the pool with a towel around my shoulders. And I wonder what the sound of a heart breaking might be. And I think it might be quiet, unperceptively so, and not dramatic at all. Like the sound of an exhausted swallow falling gently to earth. / Ich ruhe, bis ich loslasse und mein Atem beständig wird. Ich ziehe mich hoch und setze mich auf den Rand des Beckens mit einem Tuch um meine Schultern. Ich frage mich, wie ein Herz, das gerade bricht, klingen müsste. Und denke, es dürfte still sein, unmerklich und überhaupt nicht dramatisch. Wie der Klang einer erschöpften Schwalbe, die sanft zur Erde fällt.

187 Armah

In Windstössen steigt die Hitze vom Markt auf, der nun der Nacht und jenen gehört, die kein Zuhause haben, dem Kehricht und dem ewigen Abfall, den zerplatzten To­ma­ten und dem verfaulten Gemüse; um die abgehackten Fischköpfe auf einem Müll­haufen und um die abgeschabten Schuppen tanzen die vollgefressenen Nachmit­tags­­fliegen.

186 Mill

If all mankind minus one, were of one opinion, and only one person were of the con­trary opinion, mankind would no more justified in silencing that one person, than he, if he had the power, would be justified in silencing mankind. / Wenn alle Menschen aus­ser einem derselben Meinung wären und nur dieser Einzige eine entgegenge­setz­te hätte, dann wäre die ganze Menschheit nicht mehr berechtigt, diesen einen mund­tot zu machen, als er, die Menschheit zum Schweigen zu bringen, wenn er die Macht hätte.

185 Keller

Drei Tage ging es müd und matt / Umher auf dem Papiere; / Die Flügelein von Seide fein, / Sie glänzten alle viere. / Am vierten Tage stand es still / Gerade auf dem Wört­lein "will!" / Gar tapfer stand's auf selbem Raum, / Hob je ein Füsschen wie im Traum; / Am fünften Tage legt' es sich, / Doch noch am sechsten regt' es sich; / Am siebten end­­lich siegt' der Tod, / Da war zu Ende seine Not. / Nun ruht im Buch sein leicht Ge­bein, / Mög' uns sein Frieden eigen sein!

184 Melville

Glückseligkeit, hoch hoch erhabene und tief innerste Glückseligkeit wird dem zuteil, der den stolzen Göttern und den Kapitänen dieser Erde stets unerbittlich sein eige­nes Ich entgegenstellt. Selig der, dessen starke Arme ihn noch tragen, wenn unter ihm das Schiff der falschen, trügerischen Welt zerschellt. Selig, der in der Wahrheit keine Schonung kennt und alle Sünde zernichtet, ausbrennt und vertilgt, und müsste er sie hervorreissen unter den Talaren der Senatoren und Richter. Selig, über alle Mas­sen selig, der kein Gesetz und keinen Herrn kennt als den Herrn, seinen Gott, und dessen Heimat nur der Himmel ist. Selig, wen alle Wogen, alle Fluten, alle Ozea­ne der schnöden Menge nicht hinunterstürzen können von diesem sicheren Kiel der Zeiten.

183 Gustave Le Clézio

Eine Abends kamen die Träger und weckten sie. Sie hatten brennende Fackeln in der Hand, sprachen mit leiser Stimme und drängten meinen Vater und meine Mutter aufzustehen. Wenn meine Mutter das erzählte, sagte sie, das erste, was sie dabei be­­unruhigt habe, sei die Stille ringsumher im Wald und das Flüstern der Träger ge­we­sen. Sobald sie aufgestanden war, sah sie im Licht der Fackeln eine Kolonne von Ameisen, die aus dem Wald kam und auf die Hütte zumarschierte. Eine Kolonne, die sich wie ein breiter Sturm voranbewegte, ohne haltzumachen und ohne Hindernissen auszuweichen, in schnurgerader Linie, wobei jede Ameise eng an die anderen ge­drängt war. Sie verschlangen und zerstörten alles auf ihrem Weg. Mein Vater und mei­­ne Mutter hatten gerade noch Zeit, ihre Sachen zu packen. Kleider, Proviant und Medikamente. Gleich darauf durchquerte der dunkle Strom die Hütte.

182 Lins

Poesie, meine Kleine, erleuchte die Wahrheiten der Menschen und den Klang meiner Worte. Denn ich will es wagen, selbst wenn Kugeln die Laute durchdringen. Allein das Wort, das über sich hinausweist, spricht, handelt und geschieht. Hier taumelt es, von Kugeln getroffen. Gesprochen von zahnlosen Mündern im Treiben der Gassen, in den Entscheidungen über Leben und Tod. Der Sand bewegt sich am Grund der Meere. Wenn die Sonne fehlt, verdunkeln sich selbst die Wälder.

181 Sjón

I have seen the universe! It is made of poems!

180 Petrowskaja

Noch während des Krieges, als es in Kalisz keine Juden mehr gab, wurden aus dem Friedhof die Mazewen entfernt, die jüdischen Grabsteine, sie wurden in Quadrate zer­sägt und auf die Strasse gelegt, mit der Rückseite nach oben, so dass man die hebräischen Buchstaben nicht sah, wenn man auf die Steine trat. Es war ein System der Vernichtung mit mehrfacher Sicherung. Ob man davon weiss oder nicht, jeder, der die Strassen von Kalisz entlanggeht, tritt die Grabsteine mit Füssen.

179 Fe

Du sendest Schätze mich zu schmücken! / Den Spiegel hab ich längst nicht ange­blickt. / Seit ich entfernt von deinen Blicken, / Weiss ich nicht mehr was ziert und schmückt.

178 Aichinger

Gib mir den Mantel, Martin, / aber geh erst vom Sattel / und lass dein Schwert, wo es ist, / gib mir den ganzen.

177 Bhavabhuti

Voll vom Duft blühender Arjuna-Bäume – / im Regensturm wehend, / rollt der Ost­wind / dunkle Saphire, / die Wolken, daher. / Das Wasser befreit den Wohlgeruch der Erde. / Glück verheissen nun die Tage, / die schweben / zwischen Scheiden und An­kunft.

176 Rumi

So bin ich nun glücklich dem Freunde verbunden heut nacht! / Mein Herz ist den Qua­len der Trennung entwunden heut nacht. / Ich tanz mit dem Freunde und spreche im Stillen zu mir: / Ach würde der Schlüssel zum Tag nicht gefunden heut nacht.

175 Baldursdóttir

Auf dem Weg nach Akureyri haben wir die ganze Insel umrundet, und als wir in Sey­ðis­fjörður angehalten haben, um dänische Plunderteilchen zu essen, hat uns eine al­te Frau das erzählt, die mit uns reiste und sich da am Ort gut auskannte, denn sie war früher Dienstmädchen bei einem Kaufmann im Osten gewesen, und der hatte ein Telefon, und dessen alte Amme hatte eine solche Angst vor dem Apparat, dass sie je­des Mal mit einem Besenstiel darauf losging, wenn es bimmelte. Es endete damit, dass sie den Apparat kaputtgeschlagen hat, und der Kaufmann hat erst einen neuen an­geschafft, als seine alte Amme bettlägerig war und keinen Besen mehr schwingen konnte!

174 Patursson

„Ja“, sagte er, „das ist der grösste Schatz, den unser Dorf an Oluva besitzt. Es kommt nicht selten vor, dass ich sie auf einem Grasstück neben dem Wege mit dem Stock in der Hand sitzen sehe, umringt von einer neugierigen Kinderschar, die lauscht und lauscht alle dem, was sie erzählt. Ich meine, dass sie das meiste aus ih­rem eigenen Herzen schöpft, obwohl ich weiss, dass sie auch liest. Wir Eltern haben ihr viel zu danken. Solche Menschen sind Goldes wert.“

173 Roth

In Neuengland war der Sommer des Jahres 1998 herrlich warm und sonnig, im Base­ball war es der Sommer eines gewaltigen Frömmigkeitsanfalls, eines Reinheitsan­falls, denn der internationale Terrorismus, der den Kommunismus als grösste Bedro­hung der nationalen Sicherheit ersetzt hatte, wurde seinerseits durch Schwanzlut­schen ersetzt, und ein viriler, jugendlicher Präsident in mittleren Jahren und eine ver­knallte, draufgängerische einundzwanzigjährige Angestellte führten sich im Oval Of­fice auf wie zwei Teenager auf einem Parkplatz und belebten so die älteste gemein­sa­me Leidenschaft der Amerikaner wieder, die historisch betrachtet vielleicht auch ihre trügerischste und subversivste Lust ist: die Ekstase der Scheinheiligkeit.

172 Tadjo

Étrangère dan le pays où je sui née / Mais n’ai jamais vécu / Étrangère dans le pays où je vis / Mais ne suis jamais née / Étrangère là, maintenant / Étrangère à moi-même. Ich bin fremd im Land in dem ich geboren wurde / aber nie gelebt habe / Fremd im Land in dem ich lebe / aber nie geboren wurde / Fremd hier, jetzt / mir selber fremd.

171 Brontë

False she was, and unrelenting. / When my last joys strewed the ground / Even Sor­row saw repenting / Those sad relics scattered round; // Hope – whose whisper would have given / Balm to all that frenzied pain – / Stretched her wings and soared to heaven; / Went – and ne’er returned again! Falsch war sie und mitleidslos. / Als meine letzten Freuden verstreut am Boden lagen / Sah sogar die Trübsal Reue empfinden / Für jene traurigen Überbleibsel, ringsum ver­teilt; // Die Hoffnung – deren Flüstern / Balsam gewesen wäre für jeden Wahn­sinns­schmerz – / Breitete ihre Flügel aus und entschwebte zum Himmel; / Ging – und kam nie mehr wieder!

170 Atwood

Sollst du sprechen oder nicht? Die Frage stellt sich immer wieder, wenn du glaubst, du hast, wieder einmal, zuviel gesagt. Ein weiteres Bündel Substantive, eine Faust­voll: Sieh nur, wie die Wortverkäufer sie drehen und wenden, wie sie hier und da ein wenig drücken, um zu sehen, ob sie bereits angefault sind. Mit den Verben ist es nicht besser, sie ziehen sie auf, lassen sie laufen, lassen sie sich über den Tisch quä­len, ziehen sie wieder auf, diesmal zu fest, und die Feder springt.

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