Textsammlung

Archiv der Wochentexte
155 Colonna

Vorrei l’orecchia aver qui chiusa e sorda, / Per udir coi pensier più fermi e intenti / L’alte angeliche voci e i dolci accenti / Che certa pace in vero amor concorda. // Spira un aer vital fra corda e corda / Divino e puro in quei vivi instrumenti, / E sì move ad un fine i lor concenti, / Che l’eterna armonia mai non discorda. Ich wünschte, ein Ohr zu haben, das sich schliesst und ertaubt, / Um deutlicheren und genaueren Sinnes zu hören, / Wie die hohen Stimmen und süssen Tonfälle von En­geln / Sicheren Frieden brin­gen, einträchtig in wah­rer Liebe. // Es weht ein leben­di­ger Hauch von Saite zu Saite, / Göttlich und rein durch diese belebten Instrumente, / Und bewegt sich zum Zweck ihrer Einklänge, / Dass ewige Harmonie sei, die nie­mals entzweie.

154 Rehmann

Dein Zimmer wird mein Arbeitsraum werden, grösser und heller als das Kabuff, mit dem ich bisher vorliebnehmen musste. Natürlich wir es immer ein Bett für dich ge­ben, aber ein Erinnerungszimmer will ich nicht, keinen Abstellraum, aus dem Vergan­genheit mir entgegenfällt, wenn ich die Tür öffne.

153 Wolf

Begreifen, dass wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden, darauf haben wir keinen Einfluss. Das zu belachen, ist men­schenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.

152 Boullosa

Das Zeichen des Wunders ist beunruhigend. Das des Glaubens bürgt dagegen für Ruhe. Der Glaube setzt einen Hang zur moralischen Norm voraus. Das Wunder kennt keine Skrupel, alles ist ihm erlaubt. Aufs Wunder kann jeder zurückgreifen. Der Gläubige muss dagegen an das Auge Gottes denken, das streng über allem wacht.

151 Cabrera Infante

Die Legende erzählt, der Geistliche habe sich dem Indianer noch mehr genähert und ihm angeboten, er könne in den Himmel kommen. Der Indianerhäuptling konnte nur we­nig Spanisch, aber er verstand genug und begriff hinlänglich, um zu fragen: Und die Spanier, auch die in Himmel kommen? Ja, mein Sohn, sagte der gute Pater durch den beissenden Rauch und die Hitze, die guten Spanier kommen auch in den Him­mel, sagte er in väterlichem, wohlwollendem Ton. Da hob der Indianer sein stolzes Ka­zikenhaupt mit dem langen, fettigen, hinter den Ohren zusammengebundenen Haar und dem Adlerprofil, das noch heute auf den Flaschenetiketten einer Biermarke seines Namens zu sehen ist, und sagte ruhig durch die Flammen hindurch: Ich lieber nicht in Himmel, ich lieber in Hölle.

150 Hettche

Im Frühjahr blühen hier Scharbockskraut und Sumpfdotterblume, später im Jahr Sumpfcalla, Wasserschwertlilie und Blutweiderich. An den flachen Ufern breite, un­durchdringliche Röhrichtgürtel, in denen unzählige Vögel brüten. Eiszeitliche Bildun­gen all das, Endmoränen, Urstromtal. Nichts auf der Pfaueninsel steht sicher in sei­ner Zeit. Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt. Die Königin atmete tief durch. Wo war der Ball?

149 Ammann

Er sei einer von denen gewesen, sagte der Internierte, die auf Hitlers Frage, ob sie den totalen Krieg wollten, nein gesagt hätten. Mit welchen Folgen, sei ja inzwischen bekannt, da wolle er gar kein Aufhebens mehr machen. Was ihn aber nach wie vor beschäftige, seien die anderen. / Er stand da, sehr alt und sehr jung, in den vier Wän­den des Wahnsinns, und betrachtete aus seinem schmalen Fenster ungläubig die Welt.

148 Gerhardt

Ich lag in tiefster Todesnacht, / Du warest meine Sonne, / Die Sonne, die mir zuge­bracht / Licht, Leben, Freud und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glau­bens in mir zugericht’t, / Wie schön sind deine Strahlen.

147 Kazantzakis

Er wirbelte mit seinen nackten Füssen die Kie­sel umher und klatschte in die Hände. Chef, rief er, ich habe dir viel zu sagen, ich habe keinen Menschen wie dich geliebt, ich habe dir viel zu sagen, aber meine Zun­ge schafft es nicht. Ich werde es dir also vor­tan­zen ... Er tat einen Sprung, seine Hän­­de und Füsse wuchsen zu Flügeln. Wie er so über den Boden schwebte, vor die­sem Hintergrund von Himmel und Meer, kam er mir wie ein alter Erzengel vor, der sich empört. Denn dieser Tanz war ganz Her­aus­forderung, Trotz und Re­vol­te. Als hät­te er sagen wollen: Was kannst du mir an­tun, Allmächtiger? Nichts, ausser dass du mich tötest.

146 Dadié

Je vous remercie mon Dieu, de m’avoir créé Noir, / le blanc est une couleur de cir­con­stance / Le noir, la couleur de tous les jours / Et je porte le Monde depuis l’aube des temps. / Et mon rire sur le Monde, dans la nuit, crée le Jour. Ich danke dir, mein Gott, hast du mich Schwarz erschaffen / weiss ist eine farbe bei gelegenheit / schwarz die farbe aller tage / Und ich trage die Welt seit dem mor­gen­grauen der zeiten. / Und mein lachen über die Welt, in der nacht, erschafft den Tag.

145 Scheuermann

Es wäre klüger von euch, / nicht zu glauben, / dieser Grund könne gekauft / werden, gehöre euch. Oder sonst wem. / Immer noch sind Tag und Nacht die Besitzer, Regen und Licht.

144 Fathi

Zigarettenstummel, ein Zeitungsfetzen im Wind / wehen aus der Richtung des Abends / ein Fensterflügel öffnet sich / niemand ist da / alle sind fortgegangen / Luft hat ihren Platz eingenommen / Ich? / Ich bin ein verträumter hochhackiger Schuh / in Gedanken bei meinem Zwillingspump / durchstreife ich ziellos / die leeren Strassen

143 Gide

Wie um zu protestieren, sagte ich, während mein Herz heftig schlug, mit plötzlichem Mut zu ihr: „Nun, ich habe heute morgen geträumt, ich würde dich so fest heiraten, dass nichts, nichts uns trennen könnte – als der Tod.“ „Du glaubst, dass der Tod trennen kann?“ fragte sie. „Ich meine ...“ „Ich denke, dass er im Gegenteil annähern kann ... ja – annähern, was im Leben getrennt war.“ All das drang so tief in uns ein, dass ich sogar noch den Tonfall unserer Worte höre. Doch ihre ganze Bedeutung be­griff ich erst später.

142 Rossetti

O happy rose-bud blooming / Upon thy parent tree, / Nay, thou art too presuming; / For soon the earth entombing / Thy faded charms shall be, / And the chill damp con­suming. // O happy skylark springing / Up to the broad blue sky, / Too fearless in thy winging, / Too gladsome in thy singing, / Thou also soon shalt lie / Where no sweet notes are ringing. O frohe Rosenblüte / Auf elterlichem Busch, / Du musst vor Stolz dich hüten, / Da dich die Erde fordert / Und Schönheit welken muss: / Du bist schon bald vermodert. // O Lerche, fröhlich steigst du / Empor die Himmelsbahn, / Und keine Sorgen zeigst du: / Zu fröhlich ist dein Singen, / Denn bald schon liegst du da, / Wo nie mehr Lieder klingen.

141 Alberti

Puede ser que yo no sea / de este siglo. // No sé, si del que vendrá / o si del que ya se ha ido. // No siempre se puede ser / del momento en que se vive. / Nos pesa mu­cho el ayer. // Yo sueño con un futuro / que no le pese el ayer. Kann sein, dass ich nicht / aus diesem Jahrhundert bin. // Weiss nicht, ob aus dem, das kommt / oder aus dem, das schon gegangen ist. // Nicht immer kann man sein / aus dem Augenblick, in dem man lebt. / Uns beschwert das Gestern sehr. // Ich träu­me von einer Zukunft / die nicht vom Gestern beschwert ist.

140 Jacobsen

Und sie verspotteten ihn und riefen zu ihm hinauf: ‚Du, der du den Tempel niederreis­sest und ihn in drei Tagen wieder aufbauest, hilf dir nun selber; bist du Gottes Sohn, so steig herab von diesem Kreuz!‘ Da ward Gottes eingeborener Sohn in seinem Sinn erzürnt und sah, dass sie nicht der Erlösung wert waren, die Mengen, die die Er­de anfüllen, und er riss seine Füsse über dem Kopf des Nagels aus, und er ballte seine Hände um die Nägel in den Händen und zog sie heraus, so dass sich die Arme des Kreuzes wie ein Bogen spannten, und er sprang auf die Erde herab und riss sein Gewand an sich, so dass die Würfel über den Abhang von Golgatha herabrollten ...

139 Contreras Castro

Wenn ich etwas in den Tod mitnehmen könnte, dann wäre es das Geräusch des Mee­­res.

138 Wander

Darf man sich auserwählt fühlen durch ein Wunder auf Kosten anderer Menschenle­ben? Darf man solcher Art Gnade annehmen ohne Zweifel, Demut und Angst? Scha­piro, ein kleiner Textilienhändler aus Koblenz, ein ruhiger, etwas einfältiger Bürger, schloss sich im Zimmer ein, in den rituellen Tales gehüllt, und betete, dankte Gott, beugte sich vor dem unbegreiflichen Ratschluss des Herrn. Den Gebetsmantel, den lange vergessenen Tales, holten nun auch andere aus dem Koffer hervor. Der Unter­gang der Deventer hatte tiefe Löcher in den Bestand der Familien gerissen, wie in ihr Selbstvertrauen, hatte manchen Abtrünnigen wieder gläubig gemacht. / Wodurch wird der Mensch gerettet, fragte ich Sascha, unseren Prediger, was für ein Gott wäre das, der dich retten würde, indem er einen anderen ertränkt?

137 Walter

All dieses Können, dieses Wissen und die beinahe körperliche Verbundenheit Jean- Baptist Buchats mit den Eiffelschrauben – Paul Merliet, sein Kollege, pflegte später zu sagen und war auch bereit, dies jederzeit zu beschwören, Jean-Baptist habe mit den Schrauben gesprochen, und nicht selten sei es ihm gewesen, als hätten die leb­losen, stählernen Dinger, diese glotzenden und doch blinden Eisenwesen, Jean-Bap­tist geantwortet – kurz, diese ganz aussergewöhnliche Vorliebe Jean-Baptists zum Eiffelturm führte nach kurzer Zeit zur Beförderung, die allerdings mehr Ehren als Geld einbrachte.

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