Textsammlung

Archiv der Wochentexte
202 Marley

Emancipate yourselves from mental slavery. / None but ourselves can free our minds. // Löst euch heraus aus geistiger Sklaverei. / Niemand ausser wir selbst kann unseren Geist befreien.

201 Ribeiro

Wer hat eine Seele, was hat eine Seele? Viele der Grausamkeiten, die man schwar­zen Sklaven angetan hat, sind auf die damals allgemein vertretene und hochgeach­te­te Auffassung zurückzuführen, dass sie keine Seele hätten.

200 Domin

Aber der Mensch / ist des Menschen / bangste Begegnung.

199 Ausländer

Gestern nahm ich / Abschied von mir / und warf meinen Pass ins Meer.

198 Machado de Assis

Wenn es auch üblich ist, mit der Geburt anzufangen, so haben mich doch zwei Über­le­gungen dazu gebracht, einen anderen Weg einzuschlagen: einmal bin ich im Grun­de kein toter Autor, sondern ein verstorbener, für den das Grab zu einer neuen Wiege geworden ist; zum anderen wird nun alles, was ich schreibe, eigenartiger, origineller. Mo­ses, der auch seinen Tod erzählt hat, tut es nicht am Anfang, sondern am Ende: ein grundsätzlicher Unterschied zwischen diesem Buch und dem Pentateuch. / Nach­dem das klargestellt ist, verschied ich also um zwei Uhr nachmittags an einem Frei­tag im August 1869, und zwar in meinem schönen Landhaus Catumby.

197 de Andrade

Der Stamm war erloschen, die Familie war Schatten geworden, das Sippenhaus, von Blattschneiderameisen untergraben, war zerfallen, und Macunaíma war zum Himmel aufgestiegen, doch das Ara-Junge aus dem Gefolge jener Zeiten von früher, in denen der grosse Macunaíma Kaiser gewesen, war geblieben. Und nur der Papagei in der Stille des Uraricoera bewahrte vor dem Vergessen die Begebenheiten und die ent­schwundene Sprache. Nur der Papagei verwahrte in der Stille die Worte und Taten des Helden.

196 Nell Warren

I finally decided that society has no right to deny me a mate. They all have mates. You guys have mates. Animals have mates. Even the goddamn bacteria have mates. Why should I be alone? / Ich habe schliesslich entschieden, dass die Gesellschaft kein Recht hat, mir einen Partner zu verweigern. Alle haben Partner. Ihr Jungs habt Part­nerinnen. Tiere haben Partner. Selbst die gottverdammten Bakterien haben Part­ner. Warum sollte ich allein sein?

195 Handke

Wiederholen (gut wiederholen) kann ich nur das Ereignislose

194 Bürger

„Die Weiber sollen Abzug han, / Mit ihren besten Schätzen, / Was übrig bliebe, wollte man / Zerhauen und zerfetzen.“ / Mit der Kapitulation / Schleicht die Gesandschaft trüb‘ davon. // Drauf, als der Morgen bricht hervor, / Gebt Achtung! Was geschiehet? / Es öffnet sich das nächste Tor, / Und jedes Weibchen ziehet, / Mit ihrem Männchen schwer im Sack, / So wahr ich lebe! Huckepack.

193 de Saint-Pierre

Schon an ihren Wiegen sprachen ihre Mütter von ihrer Heirath; und diese Aussicht auf eheliches Glück, durch welche sie ihre eigenen Leiden versüssten, endigte sehr oft damit, dass sie weinen mussten: die Eine, wenn ihr einfiel, ihr Unglück rühre da­her, dass sie das Eheband verscherzt habe, und die Andere, dass sie es eingegan­gen; die Eine, dass sie sich über ihren Stand erhoben, und die Andere, dass sie sich unter denselben herunterbegeben habe; allein, sie trösteten sich mit dem Gedanken, dass eines Tages ihre Kinder, glücklicher als sie, fern von Europas grausamen Vorur­theilen, zugleich die Wonne der Liebe und das Glück der Gleichheit geniessen wür­den.

192 Aciman

From this moment on I had, as I’d never before in my life, the distinct feeling of arriv­ing somewhere very dear, of wanting this forever, of being me, me, me, me, and no one else, just me, of finding in each shiver that ran down my arms something totally alien and yet by no means unfamiliar, as if all this had been part of me all my life and I’d misplaced it and he had helped me find it.

191 Wiesner

Der König auf dem Marktplatz des Städtchens. Er wendet sich ab vom Meer und weist mit dem ehernen Finger nach Osten. Alles an ihm ist ehern. Auch sein Gesicht. Er hat es in der Luft. Er lässt sich alle vier Winde um die Nase wehen. / Was meint der König? Kehrt er dem Meer den Rücken? Die Schiffe, die Seefahrtslinien, die Gü­ter, die das Meer bringt. Das Meer liegt in seinem Interesse. Wiese seine Hand nach dem Meer, läge alles klar. Aber so. Was meint der König? Meint er die Möglichkeiten der Steppe? Weiss er, woher der Wind weht? Fragen. Vielleicht, dass ihnen die Ant­wort von selber wird, wenn man ihn nicht mehr beachtet, auch den Fingerzeig nicht. Wenn es zu spät ist für Könige.

190 Devi

Danse avec de diable qui seul / Sait rire et seul sait souffrir / Rien d’autre ne compte / Danse avec le diable / Qui t’offre le monde / Dans un grain de sable / Et l’infini dans la chair des dieux. // Tanz mit dem Teufel der allein / Zu lachen weiss und zu leiden / Nichts anderes zählt / Tanz mit dem Teufel / Der dir die Welt reicht / in einem Korn von Sand / Und das Unendliche im Fleisch von Göttern.

189 Appanah

Wenn ich einmal tot bin und mein Sohn mein Haus leer räumt, wird er auf meinem Schrank einen kleinen Koffer voller Radiergummis finden, die ich im Laufe meines Lebens gesammelt habe. Ich konnte nicht anders, auf jeder Reise auf der Insel oder ins Ausland kaufte ich in verschiedenen Grössen und Farben Radiergummis. Mein Sohn wird das nicht verstehen, er wird es für die Marotte eines alten Mannes halten. Vielleicht sollte ich ihm erklären, dass das meine Art war, die zerstörerische Kraft der Zeit zu überlisten, den Tod hinauszuschieben und die Illusion aufrechtzuerhalten, man könnte alles auslöschen, um dann besser wieder von vorn zu beginnen.

188 Winman

I rest till I’m calm and my breathing has settled. I lift myself out and sit by the edge of the pool with a towel around my shoulders. And I wonder what the sound of a heart breaking might be. And I think it might be quiet, unperceptively so, and not dramatic at all. Like the sound of an exhausted swallow falling gently to earth. / Ich ruhe, bis ich loslasse und mein Atem beständig wird. Ich ziehe mich hoch und setze mich auf den Rand des Beckens mit einem Tuch um meine Schultern. Ich frage mich, wie ein Herz, das gerade bricht, klingen müsste. Und denke, es dürfte still sein, unmerklich und überhaupt nicht dramatisch. Wie der Klang einer erschöpften Schwalbe, die sanft zur Erde fällt.

187 Armah

In Windstössen steigt die Hitze vom Markt auf, der nun der Nacht und jenen gehört, die kein Zuhause haben, dem Kehricht und dem ewigen Abfall, den zerplatzten To­ma­ten und dem verfaulten Gemüse; um die abgehackten Fischköpfe auf einem Müll­haufen und um die abgeschabten Schuppen tanzen die vollgefressenen Nachmit­tags­­fliegen.

186 Mill

If all mankind minus one, were of one opinion, and only one person were of the con­trary opinion, mankind would no more justified in silencing that one person, than he, if he had the power, would be justified in silencing mankind. / Wenn alle Menschen aus­ser einem derselben Meinung wären und nur dieser Einzige eine entgegenge­setz­te hätte, dann wäre die ganze Menschheit nicht mehr berechtigt, diesen einen mund­tot zu machen, als er, die Menschheit zum Schweigen zu bringen, wenn er die Macht hätte.

185 Keller

Drei Tage ging es müd und matt / Umher auf dem Papiere; / Die Flügelein von Seide fein, / Sie glänzten alle viere. / Am vierten Tage stand es still / Gerade auf dem Wört­lein "will!" / Gar tapfer stand's auf selbem Raum, / Hob je ein Füsschen wie im Traum; / Am fünften Tage legt' es sich, / Doch noch am sechsten regt' es sich; / Am siebten end­­lich siegt' der Tod, / Da war zu Ende seine Not. / Nun ruht im Buch sein leicht Ge­bein, / Mög' uns sein Frieden eigen sein!

184 Melville

Glückseligkeit, hoch hoch erhabene und tief innerste Glückseligkeit wird dem zuteil, der den stolzen Göttern und den Kapitänen dieser Erde stets unerbittlich sein eige­nes Ich entgegenstellt. Selig der, dessen starke Arme ihn noch tragen, wenn unter ihm das Schiff der falschen, trügerischen Welt zerschellt. Selig, der in der Wahrheit keine Schonung kennt und alle Sünde zernichtet, ausbrennt und vertilgt, und müsste er sie hervorreissen unter den Talaren der Senatoren und Richter. Selig, über alle Mas­sen selig, der kein Gesetz und keinen Herrn kennt als den Herrn, seinen Gott, und dessen Heimat nur der Himmel ist. Selig, wen alle Wogen, alle Fluten, alle Ozea­ne der schnöden Menge nicht hinunterstürzen können von diesem sicheren Kiel der Zeiten.

183 Gustave Le Clézio

Eine Abends kamen die Träger und weckten sie. Sie hatten brennende Fackeln in der Hand, sprachen mit leiser Stimme und drängten meinen Vater und meine Mutter aufzustehen. Wenn meine Mutter das erzählte, sagte sie, das erste, was sie dabei be­­unruhigt habe, sei die Stille ringsumher im Wald und das Flüstern der Träger ge­we­sen. Sobald sie aufgestanden war, sah sie im Licht der Fackeln eine Kolonne von Ameisen, die aus dem Wald kam und auf die Hütte zumarschierte. Eine Kolonne, die sich wie ein breiter Sturm voranbewegte, ohne haltzumachen und ohne Hindernissen auszuweichen, in schnurgerader Linie, wobei jede Ameise eng an die anderen ge­drängt war. Sie verschlangen und zerstörten alles auf ihrem Weg. Mein Vater und mei­­ne Mutter hatten gerade noch Zeit, ihre Sachen zu packen. Kleider, Proviant und Medikamente. Gleich darauf durchquerte der dunkle Strom die Hütte.

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