136 Peter

Immer kommt das Leben dazwischen.

Maja Peter, Eine Andere, 2011.

Eine Sentenz, die für sich steht. Sie braucht den Roman eigentlich nicht, in dem sie vorkommt. Den Roman einer Frau, die allein lebt, auf der Suche nach sich selbst ist, sich von ihrem Vater nicht verstanden fühlt, verzweifelt eine Stelle sucht, findet und verliert, an einem Projekt namens Strategie Future arbeitet und sich schreibend und beobachtend und nachdenkend gerade noch im Griff behält. Eine wie viele.

Eine Sentenz, die für Erfahrung steht. So oder so denke ich nach, plane und konzi­pie­re, werte aus und ziehe meine Schlüsse, verändere meine Strategie und versuche ein Neues, nehme mir Ziele und Zeitfenster vor, habe Techniken entwickelt, mit Zeit­not und Stress gut umzugehen, bin unterwegs und halte meinen Kopf, mal an­ge­strengt mal heiter, über Wasser. Einer wie viele.

Eine Sentenz, die für Kontingenz steht. Wir sind Kinder unserer Zeit, die uns lehrt, plan­voll an die eigene Biographie heranzugehen, autonom zu bleiben in den eigenen Entscheidungen, kühl bei eigenen Auswertungen und Einschätzungen, sachlich und gerecht, möglichst unideologisch und fremdgeleitet. Einer Zeit, die höchste Ansprü­che stellt an Individualität und Flexibilität, verbunden mit Bürgerbewusstsein und Ver­antwortung. Wir wollen es richtig machen, ehrlich! Doch dann kommt schon wie­der das Leben dazwischen. Wie im Theater der deus ex machina, das unausweichliche Schicksal in der Tragödie, der unbeeinflussbare Spruch einer externen Instanz über alles Geplante. Geht fremd, kommt von aussen, bricht ein in mein Leben. Kommt über mich und hat mich im Würgegriff, schert sich einen Dreck um Planung, Strategie und Kalkül, lacht sich eins über Selbstbestim­mung und Eigenständigkeit. Kommt ein­fach so, ungerufen und fraglos. Drängt sich zwischen meine Pläne, behauptet sich dreist und macht sie zunichte. Nichts mehr da, um es richtig zu machen.

Das Leben. Maja Peter sagt nicht, immer komme der Tod dazwischen. Die pathe­ti­sche Variante wäre dies, die jeder versteht. Auch nicht, im­mer komme Gott dazwi­schen. Die fromme Variante, die heute wenige verstehen. Etwas schon garnicht. Die Allerweltsausrede, die alle gerne benutzen. Nein, das Leben ist es, das immer dazwi­schen kommt. Das verstört und macht die Sentenz zur Sentenz: Ist denn das, zwi­schen das es kommt, das links und rechts vom Leben, das vor und nach ihm, das Andere eben, kein Leben? Oder ist Leben selbst ein Anderes, das alles konterkariert, was sich für Leben hält, es aber nicht wirklich ist?

Das Leben. Im Roman ist es das alter ego der Protagonistin. Sie, die auf der Suche nach sich selbst ist, kommt sich als eine Andere immer wieder dazwischen. Verliert sich aus den Augen, läuft sich wieder mal über den Weg, stört sich selbst unerwartet auf. Ganz so, als gehöre zur Weisheit dieser Sentenz die Einsicht, dass ich mich selbst nicht auf sicher habe, ja, selbst mir meiner nicht sicher sein kann. Mir vielmehr notwendig immer wieder entgleite, um mir überraschend wieder zu begegnen.

Das Leben. Im Evangelium nach Johannes, einem anderen Evangelium, ist Gott selbst das Leben: In ihm war Leben, / und das Leben war das Licht der Menschen. So elegisch fasst der Prolog zusammen, was dann in zwanzig Kapiteln von Jesus er­zählt wird: Und das Licht scheint in der Finsternis, / und die Finsternis hat es nicht er­fasst. (Joh 1,4-5) Das Leben als ein Anderes ist demnach in sein Eigenes gekom­men, doch das Eigene hat es nicht angenommen. Seither kann es immer nur dazwi­schen kommen. Gott als das Dazwischen, das mich leben und vom Leben träumen lässt, notwendig.

15.08.17