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Darf man sich auserwählt fühlen durch ein Wunder auf Kosten anderer Menschenle­ben? Darf man solcher Art Gnade annehmen ohne Zweifel, Demut und Angst? Scha­piro, ein kleiner Textilienhändler aus Koblenz, ein ruhiger, etwas einfältiger Bürger, schloss sich im Zimmer ein, in den rituellen Tales gehüllt, und betete, dankte Gott, beugte sich vor dem unbegreiflichen Ratschluss des Herrn. Den Gebetsmantel, den lange vergessenen Tales, holten nun auch andere aus dem Koffer hervor. Der Unter­gang der Deventer hatte tiefe Löcher in den Bestand der Familien gerissen, wie in ihr Selbstvertrauen, hatte manchen Abtrünnigen wieder gläubig gemacht. / Wodurch wird der Mensch gerettet, fragte ich Sascha, unseren Prediger, was für ein Gott wäre das, der dich retten würde, indem er einen anderen ertränkt?

Fred Wander, Hôtel Baalbek, 1991.

Es passiert im Sommer 1942. Das Hôtel Baalbek in Marseille liegt nahe beim Hafen und ist gerade ein Sammelbecken jü­discher Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, die von den Nazis überfallen worden sind. Nun steht die Wehrmacht nur noch zehn Kilometer vor der Stadt. Es wird kritisch. Die Deventer, ein holländisches Passagier­schiff läuft mit vierhundert Glücklichen, die ein Ticket nach Martinique ergattert ha­ben, aus und geht unter, vermutlich von einem deutschen Torpedo versenkt. Die Fa­milie Schapiro hat zwar Tickets gehabt, ist aber geblieben, weil eines der Kinder plötz­­lich Fieber­an­fäl­le bekommen hat. Das hat sie gerettet.

Fred Wander, der Schriftsteller weiss, worüber er schreibt. Als Wiener Jude mit Wur­zeln im ver­schwundenen Galicien hat er 1945 die Konzentrationslager von Auschwitz und Buchen­wald überlebt. Sein einziger Roman trägt autobiographische Züge. Als Nach­fahre chassidischer Frommer und dennoch entschlossener Kommunist hat er 1983 die Deutsche Demo­kratische Republik überlebt. Er ist selbst ein mehrfach Ent­kommener. Soll er sich als einen Geretteten verstehen? Hat sein Entkommensein aus einem Ab­trünnigen einen Gläubigen gemacht?

Schapiro jedenfalls, der kleine Textilhändler aus Koblenz, mag sich nicht recht freu­en, son­­­dern ist verwirrt. Er zweifelt und geht dennoch in seinen chassidischen Ri­tus. Er spricht Dankgebete, weiss aber nicht, ob er danken darf. Das Leben der ge­rette­ten Fünf ist der Tod der untergegangenen Fünf. Da nützt kein Wäre oder Hätte!

Gerade ist mir selbst Ähnliches passiert. Ich wollte drei Wochen Ferien in Mittelame­ri­ka machen. Am Abend vor der Abreise musste ich notfallmässig ins Spital. Ich wur­de operiert, und die Reise fiel aus. Wäre ich aber planmässig abgeflogen, hät­te ich auf Hispaniola einen der stärksten Wirbelstürme erlebt, der die Nordküste ver­wü­stet und Tausende obdachlos gemacht hat. Wäre ich nach der Operation planmässig zur zweiten Etappe nach México geflogen, hät­te ich eines der stärksten Erdbeben erlebt, das Hunderte von Toten gefordert hat. Meine Schmerzen haben mich gerettet. So ein­­deutig wie bei der Deventer bin ich dem Untergang nicht entkommen, nein, aber glücklich war auch ich nicht. Immer wieder versuchte ich, die mexikanischen Freunde zu erreichen, nein, keiner ist zu Schaden gekommen. Sie haben Glück ge­habt. Viele andere nicht. Da hilft Kein Wäre oder Hätte.

Glück? Erwählung? Ein Wunder auf Kosten anderer Menschenleben? Was für ein Gott wäre das, der mich gerettet hätte, indem er andere im Sturm ertränkt und im Be­ben erschlägt? Einen Tales habe ich nicht, aber ich habe mich eingeschlossen in mir. Nein, das Wort vom unbegreiflichen Ratschluss ist keine fromme Phrase (Jes 40,13; Röm 11,33-36). Entkommen zu sein, ist die Wahrnehmung eines, der nur be­schreibt. Gerettet zu sein, die eines, der auch glaubt. Warum aber ich, das ist die unbeant­wort­­bare Frage, die beide haben, Gott hin oder her. Ja, sie kann quälend sein.

28.09.17