139 Contreras Castro

Wenn ich etwas in den Tod mitnehmen könnte, dann wäre es das Geräusch des Mee­­res.

Fernando Contreras Castro, Der Mönch, das Kind und die Stadt, spanisch 1995.

So steht es geschrieben auf einem Karton, mit dem Jerónimo, der Mönch, ziellos durch die Stadt, San José in Costa Rica, läuft. Das tut er täglich, aber ohne ein be­­son­deres Ziel. Mit wechselnden Sprüchen, wie sie ihm gerade einfallen. Aber ohne er­kennba­ren Erfolg, denn auch in dieser Hauptstadt hat kaum jemand Zeit, seine Botschaft zu lesen. Im Original heisst der Roman Los Peor. Das ist der Familienna­me von Jeróni­mo, dem ehemaligen Klosterbruder, der noch immer seine Kutte trägt, und Con­­su­elo, seiner Schwester, die ihn bei sich aufgenommen hat. Die Peors sind die Protagonisten des Romans: sie Besitzerin und Mutter eines Puffs in der Al­tstadt, er Vater und Seelsorger der vielen Mädchen. Peor heisst aber ärger, schlim­mer, üb­ler. Und en el peor de los casos bedeutet im schlechtesten aller Fälle. Dieser tritt auch bald ein: Das Kind, das eine der Dirnen zur Welt bringt, hat nur ein Auge in der Mitte der Stirn, wird von seiner Mutter abgelehnt, von Consuelo und Je­ró­nimo mitten im Puff aufgezogen. Polifemo ist lo peor, das Schlimmste, dem sich die beiden Zieh­eltern unermüdlich und liebevoll hingeben.

Weil es schlimmer nie kommen kann, als es immer schon ist, beginnt der Roman gleich in seinen ersten Sätzen mit dem Tod. Der Mönch weiss, dass jeder auf eige­nes Ri­siko auf die Welt kommt und sein ganzes Leben lang einen Tod mit sich her­um­schleppt, der mit den Jahren immer fetter wird. Leben bedeutet, seinen Tod zu mä­sten. Wie ein lebendiges memento mori streunt dieser moderne Hieronymus mit sei­ner Botschaft durch die Quartiere: Gedenke, dass du sterben wirst. Sein spätanti­ker Namensgeber, einer der vier gros­­sen Kirchenväter der frühen Zeit und ebenfalls ein Mönch, war allerdings in die Einsamkeit Palästinas aufgebrochen, um in einer Höh­le die Bibel, die Botschaft schlechthin, ins Lateinische zu übersetzen, aber wie der la­teinamerikanische Jerónimo mit seinem Bild vom Meer verkündeten Bilder von ihm oft das memento mori, nämlich in Gestalt eines Totenschädels.

Der Tod ist unbestreitbar. Contreras setzt ihn voraus. Er ist sicher. Die Frage ist nur, wie er zu erleben ist. Die Botschaft auf dem Karton lädt zu einem Bild ein, das alle Sinne berührt: Zu sehen sind der grosse Horizont, die allumfassende Weite, die End­lo­sigkeit der Welt. Zu riechen sind der feuchte Sand, der trocknende Tang, der ver­we­sen­de Fisch. Zu hören, ja das vor allem und das immerzu, auch bei geschlosse­nen Augen und verwehenden Düften, zu hören ist die Brandung, so unaufhörlich wie die Ewigkeit, so sicher wie das Amen der Liturgie, so eindeutig wie die Botschaft des Kommens und Gehens. Contreras nimmt in den Tod, der sicher ist, ein Bild des Le­bens mit, das ewig ist. Wer sich Ewigkeit vorstellen will trotz dem Tod, der stelle sich die Brandung vor und höre ihr zu. Ein positives memento mori. Ein elementares.

Vielleicht ist das Jerónimos Botschaft auf seinem Karton, den er den Passanten hin­hält, ohne dass einer sie lesen will: Werde elementar, und du wirst ewig sein. Gib dich dem Geräusch der Brandung hin, und du gehörst zum Rhythmus des Unver­gäng­li­chen. Werde, was du hörst, und du gewinnst, was du immer schon warst. Viel­leicht setzt Contreras den Konjunktiv, damit die Sehnsucht nach elementarem Leben jetzt schon das Leben verändert, ihm jetzt schon einen unvergänglichen Puls ver­leiht, jetzt schon jenen groove, den niemand jemals abstellen kann.

Freilich, man müsste sehen, was auf dem Karton steht. Man müsste hören, was die Botschaft sagt. Man müsste präsent sein für den Moment der Begeg­nung mit Jeróni­mo, dem Schlimmen.

03.10.17