145 Scheuermann

Es wäre klüger von euch, / nicht zu glauben, / dieser Grund könne gekauft / werden, gehöre euch. Oder sonst wem. / Immer noch sind Tag und Nacht die Besitzer, Regen und Licht.

Silke Scheuermann, Der Wald, 2016.

Wem gehört der Wald? Die Dichterin beantwortet die Frage, indem sie auf natürli­che Ordnungen verweist. Grosse Zeiträume sind es, die den Wald wachsen lassen, un­ver­­gleich­liche Erstreckungen, in denen seine Bäume gross werden, übermenschliche Bedingungen, durch die er sich ausdehnt und verwurzelt. Fast wird ihre Sprache my­thisch: Über dem Wald gähnt der Himmel verträumt, sagt sie, gibt die Sonne Tages­kom­man­dos, macht der Mond in kleiner Dosierung das Fortgehen schwer. Wie Fern­seh­filme über Tiere, Pflanzen, Landschaften nicht auskommen ohne schwerflüssige und übersüsste Symphonik, im­mer etwas zu fett, so kehren auch hier mit Himmel, Sonne und Mond längst für tot erklärte Götter zurück. Wald ohne Pathos, nein, das geht nicht. Solange die Erde währt, / sollen nicht aufhören / Saat und Ernte, Frost und Hitze, / Sommer und Win­ter, Tag und Nacht. (Gen 8,22) Fast wird die Sprache der Dichterin biblisch: Immer noch sind Tag und Nacht die Besitzer, Regen und Licht. Wald gehört niemand, ist die Botschaft. Selbst der Natur nicht. Wenn schon Besitzer, dann die Götter.

Wem gehört der Boden? Die Bibel schwankt zwischen altem Nomadismus und neu­em Royalismus. Nomaden besitzen keinen Boden. Ihre Herden, die nie lange am sel­ben Ort weiden, sind ihr ganzer Besitz, dazu ein persönliches Bündel, das sie zum Zei­chen des Eigen­tums nicht auf den Boden stellen, sondern in den Baum hängen. Adlige hingegen be­sitzen Krongüter, Ländereien, Latifundien. Immer noch gibt es Für­sten, deren Wälder in anderen Ländern grösser sind als ihr kleines Fürstentum. Gott, der für Israel die Gesetze macht, steht auf der Grenze: Den Machtverhält­nis­sen der Gegenwart gesteht er zu, dass Land verkauft und gekauft werden kann und also besessen wird. Aber er gebietet zum Schutz des Bodens strikte Schonzei­ten und zum Schutz der Besitzlosen strikte Eigentumsfristen: Das Land aber darf nicht für im­mer verkauft werden, denn das Land gehört mir, und ihr seid Fremde und Beisas­sen bei mir. (Lev 25,23)

Dabei ist dieser Kernsatz der Bibel zum Besitz ganz unideologisch. Er beruht auf Er­fahrung und Weisheit. Wälder, die abgeholzt werden, verlieren ihre Schutzfunktion und verändern das Klima. Böden, die ausgebeutet werden, verlieren ihre Nährstoffe und veröden die Landschaft. Solches Wissen ist uralt. Wenn Gott reklamiert, das Land gehöre ihm, dann tut er dies als Schöpfer. Er hat, was moderne Beschrei­bung oh­ne Gottesbezug Natur nennt, erschaffen. Pflanzen, Bäume, Birkenwälder, wie Silke Scheuermann sie vor Augen hat, sind Geschöpfe und also gerade nicht see­lenlose Materie. Der Schöpfer hat ihnen mit der Erschaffung ihr jeweils eigenes We­sen eingehaucht. Zum Wesen des Waldes gehört, dass Tag und Nacht, Regen und Licht seine Besitzer sind, quasi göttliche Wesen in einer materialisierten und kapita­lisier­ten, in einer entseelten und entzauberten Welt.

Es wäre klüger ... Man muss nicht Gott bemühen, um zu erkennen, wie lebens­feind­lich und weltzerstörerisch die Verwandlung von Lebensgrundla­gen in Handelswaren ist. Immer schon war es eine Frage, wie man mit Erfahrungen umgeht und wie aus ihnen Weisheit wird. Es wäre klüger, nicht zu glauben ... Man soll sich allerdings be­mühen, darüber nachzudenken, woran man glaubt, wenn nicht Gott es ist. Nicht sel­ten glauben jene, die Gott für tot erklären, an Mammon. Der aber verwandelt täglich Regenwälder in Ölpalmplantagen.

27.11.17