149 Ammann

Er sei einer von denen gewesen, sagte der Internierte, die auf Hitlers Frage, ob sie den totalen Krieg wollten, nein gesagt hätten. Mit welchen Folgen, sei ja inzwischen bekannt, da wolle er gar kein Aufhebens mehr machen. Was ihn aber nach wie vor beschäftige, seien die anderen. / Er stand da, sehr alt und sehr jung, in den vier Wän­den des Wahnsinns, und betrachtete aus seinem schmalen Fenster ungläubig die Welt.

Jürg Amann, Einer von denen, 1985.

Als der Schweizer Jürg Amann diese Kürzestgeschichte 1985 publizierte, gab es noch die DDR, den Kalten Krieg, den Nato-Doppelbeschluss. Zwei Welten lebten in Angst vor­einander. Kinder und Enkel derer, die im Februar 1943 den totalen Krieg wollten. Gefragt von Goebbels, nicht von Hitler. Im Berliner Sportpalast war das. Grossdeut­sche Spit­zenrhetorik.

Wieder eine Generation später, im Jahr 2017 des längsten Friedens in der jüngeren deutschen Geschichte, liest sich diese Kürzestgeschichte ganz anders: Wissen die Enkel und Urenkel derer vom Sportpalast überhaupt noch, wer ein Internierter war, was Goebbels mit dem totalen Krieg wirklich meinte, welche Folgen die Jasager zu diesem Hitler zeitigten? Eher scheint es, nicht nur in Deutschland sondern überall in Europa sei die Zeit darüber hin­weg­gegangen: Rechtsradikale Parteien ge­langen in Parlamente. Nationalkonserva­tive Regierungen errichten Mauern. Faschi­stoide Prä­sidenten twittern Rassismen. Grossmäulige Sumpfrhetorik.

Was Jürg Amanns Internierten beschäftigt, damals ein Opfer, muss heute erst recht beschäftigen, denn noch zeugen sich die Täter fort und fort: Die anderen, die Jasa­ger von 1943, die Urenkel derer, um die damals schon zu wenig Aufhebens ge­macht wurde. Heute feiern sie, wie es scheint, dumm und dreist Urständ.

Amanns Kürzestgeschichte hat zwei Absätze. Im ersten wird in indirekter Rede ein Monolog wiedergegeben. Im zweiten wird der beschrieben, von dem er stammt: da­mals ein Opfer und heute ein Fanal. Der Internierte steht in den vier Wänden des Wahnsinns: Haben ihn seine Erlebnisse ins Irrenhaus gebracht? Die Zwangsein­wei­sung eines Neinsagers, dessen sich die Nazis auf diese Weise entledigt haben? Ist der Wahnsinn innerhalb oder aus­serhalb der vier Wände? Indem Amann diese Frage offen lässt, verweist er auf die Gegenwart. Der Internierte steht da, sehr alt und sehr jung: Ist es die Zeit unmit­tel­bar nach dem Krieg, als die Lager und Anstalten geöffnet wurden? Ist es die Ge­gen­wart Amanns im immer noch Kalten Krieg? Indem er ihn als ebenso alt wie jung beschreibt, lässt er ihn in die Gegenwart schauen. Der Internierte steht und betrach­tet aus seinem schmalen Fenster ungläubig die Welt: Ist es eine Schiessscharte, durch die er wie von einer Burg auf die unter ihm kriegende Welt schaut? Ist er ein Ungläubiger, weil man angesichts fortgesetzter Kriegsrhetorik den Glauben an Gott verlieren kann? Oder hat er den Glauben an die Menschlichkeit des Menschen verloren? Indem Amann von Welt spricht, meint er wohl eine conditio hu­mana, eine offensicht­lich unverän­derliche Beschaffenheit des Menschen. Homo ho­mi­ni lu­pus, die For­mu­lierung von Plautus, des römischen Dichters, ist zu ahnen: Der Mensch ist dem Men­schen ein Wolf, auch im fünfundsiebzigsten Jahr nach Sportpa­last und Goebbelsre­de.

Die Welt, wie sie war und ist und offensichtlich bleibt, ist allerdings auch ein Thema in den Abschiedsreden, die Jesus, damals ein Opfer, seinen Freunden hält: In der Welt habt ihr Angst, heisst es da, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33) Ob der katholisch aufgewachsene Amann daran dachte? Dann wäre dies eine wahnsinnige Hoffnung für alle Ungläubigen. Paradoxe Friedensrhetorik.

12.12.17