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Im Frühjahr blühen hier Scharbockskraut und Sumpfdotterblume, später im Jahr Sumpfcalla, Wasserschwertlilie und Blutweiderich. An den flachen Ufern breite, un­durchdringliche Röhrichtgürtel, in denen unzählige Vögel brüten. Eiszeitliche Bildun­gen all das, Endmoränen, Urstromtal. Nichts auf der Pfaueninsel steht sicher in sei­ner Zeit. Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt. Die Königin atmete tief durch. Wo war der Ball?

Thomas Hettche, Pfaueninsel, 2014

Es gibt sie. Man steige am Berliner Bahnhof Wannsee aus, spaziere der Havel ent­lang und setze mit dem Boot über. Dann ist man auf der Pfaueninsel.

Zuerst hiess sie Kaninchenwerder, weil der Grosse Kurfürst im Ba­rock dort eine Ka­ninchenzucht aufbauen liess. 1685 erhielt sie der Alchimist Johan­nes Kunckel ge­schenkt, damit er dort zur Erschliessung neuer Wirtschaftszweige und zum Vergnü­gen des oftmals anwesenden Kurfürsten ungestört seine Versuche machen konnte. Seit 1766 liess sich der nachmalige Preussenkönig, sie damals dreizehn und er zwei­undzwanzig, für erotische Schäferstünd­chen mit seiner Wilhelmine regelmässig hin­über­rudern. Seit 1795 hiess sie Pfaueninsel, nachdem der König sie ge­kauft und Ge­staltungsaufträge vergeben hatte: für das Lustschloss im Stil eines verfallenden rö­mi­schen Landhauses, für die Meierei im Stil eines gotischen Klosters, für die Bam­bus­hüt­te im Stil Polynesiens, um alles herum ein Garten, der dreihundert alte Eichen in­te­grier­te. Im 19. Jahrhundert kamen Menagerie und Fasanerie, Palmenhaus und Nutz­gar­ten hin­zu. Seit 1990 gehört die Insel zum Weltkulturerbe.

Thomas Hettches Roman spielt im vorletzten Jahrhundert und erzählt die erfundene Geschichte der historisch verbürgten Ma­ria Dorothea Strakon. Als Kleinwüchsige war sie so exotisch wie der Mohr und der Rie­se, der Südseeinsulaner und der Lapplän­der, so auserlesen wie Pfauen und Rentiere, Lamas und Affen, so selten wie Dat­tel­pal­men und Litchibäume, Drac­henblut und Elephantenfuss. Maria verbrachte ihr gan­zes Leben auf dieser In­sel, die von berühmten Männern, dem Baumeister Schinkel, dem Gartenarchitekten Len­né, dem Hofgärtner Fintelmann, zur gepflegten Wildnis umgebaut worden war, zu einem Panoptikum der Arten und einem Garten der Lüste, zu einer Arche Noah in der Havel und einem preussischen Paradies.

Dabei lässt Hettche den Roman ganz einheimisch mit Sumpfcalla, Wasser­schwert­­lilie und Blutweiderich beginnen. Doch schon die eiszeitlichen Bildungen, die Endmorä­nen und das Urstromtal weisen weit über diese 67 Hektaren Preussens hin­aus und weit hin­ter die Phantasien des Biedermeier zurück. Da lesen sich jene bei­den Sätze, die der Königin zwar durch den Kopf gehen, von denen sie sich aber so­fort wieder verabschiedet, fast als vorweggenommene Essenz des nachfolgenden Ro­mans: Nichts auf der Pfaueninsel steht sicher in seiner Zeit. Jede Geschichte be­ginnt lange, bevor sie anfängt.

Die beiden Sentenzen übers Vorher und Nachher untergraben von Anfang an, was der Gestaltungswille derer war, die sich hier verewigen wollten: eine Insel der Seligen zu schaffen, auf der die Zeit ste­hen geblieben wäre, ein lebendes Museum der Arten, in dem die ganze Welt zusammengegefunden hätte, einen Ort, wo Raum und Zeit zu­gunsten bleibender Anschauung aufgehoben wären. Das gelingt nicht! Weil alles, was zur Anschauung ver­sam­melt wurde, nicht nur Objekt für die war, die sich an ihm ergötzten, sondern auch Subjekt für sich selbst, das eine Geschichte vor die­ser Ge­schichte hatte. Aus jener Zeit war es herausgefallen, als es auf die Insel kam, aber die Insel selbst würde nicht in dieser Zeit bleiben, die ihr zugedacht war. Die Schreie der Pfauen künden seit alters kommendes Ungemach.

12.1.18