151 Cabrera Infante

Die Legende erzählt, der Geistliche habe sich dem Indianer noch mehr genähert und ihm angeboten, er könne in den Himmel kommen. Der Indianerhäuptling konnte nur we­nig Spanisch, aber er verstand genug und begriff hinlänglich, um zu fragen: Und die Spanier, auch die in Himmel kommen? Ja, mein Sohn, sagte der gute Pater durch den beissenden Rauch und die Hitze, die guten Spanier kommen auch in den Him­mel, sagte er in väterlichem, wohlwollendem Ton. Da hob der Indianer sein stolzes Ka­zikenhaupt mit dem langen, fettigen, hinter den Ohren zusammengebundenen Haar und dem Adlerprofil, das noch heute auf den Flaschenetiketten einer Biermarke seines Namens zu sehen ist, und sagte ruhig durch die Flammen hindurch: Ich lieber nicht in Himmel, ich lieber in Hölle.

Guillermo Cabrera Infante, Ansicht der Tropen im Morgengrauen, spanisch 1974.

Ob er nun im Himmel oder in der Hölle gelandet ist, der Kazike, weiss niemand. Si­cher ist aber, dass es Kaziken, Häuptlinge der Taíno, auf Cuba nicht mehr gibt. Indi­ge­ne Taíno, die eng mit indigenen Aruak der Nachbarinsel Hispaniola verwandt wa­ren, sind auf Cuba schon bald nach den Er­oberungszügen der Spanier verschwun­den. Zwar liess Kolumbus 1493 den al­lerersten Mord eines Spaniers an einem Aruak vollziehen, doch fielen die aller­meisten Aruak und Taíno rücksichtsloser Zwangsarbeit und eingeschleppten Seu­chen zum Opfer. Auf beiden Inseln waren die Eroberer ab 1600 unter sich. Auf Cuba zeugt heute nur noch die Cervezería Ha­­tu­ey in Santiago de Cuba vom historischen Häuptling: Bautizada con el nombre del cacique taíno que en el siglo XVI encabezó la resistencia de los nativos cubanos contra el yugo colo­ni­al y conquistador. 1927 wurde die Brauerei gegründet. Heming­way liebte ihr Bier. Auf seinem Etikett prangt das Adlerprofil. Die Dominikanische Re­publik ge­denkt des Ka­zi­ken Hatuey mit regulären Münzen.

Cabrera Infante, der 1959 die alte Diktatur des faschistischen Regimes von Bautista überlebt hatte, flüchtete 1967 vor der neuen Diktatur des kommunistischen Regimes von Castro. Er, mit dem er anfangs zusammengearbeitet hatte, wollte ihn zu­letzt un­ter Zensur stellen. Mit diesem Buch, das Cabrera in La Habana be­gon­nen hat­te und in London beendete, nahm er literarisch Abschied von seiner Insel. Le­gen­den und Hi­storien, Gespräche und Beschreibungen vereint er zu einem narrati­ven und poeti­schen Patch­work kubanischer Geschichte.

Sie beginnt mit dem Ende derer, die vorher da waren. Ein Franziskaner, der bei der Hinrichtung zugegen ist, bietet hier dem Kaziken im letzten Moment noch den Him­mel an. Der Handel zielt auf ein klassi­sches win-win: Kolumbus gewinnt irdische Macht und verliert sein christliches Mo­nopol, der Kazike gewinnt himmlisches Glück und verliert sein irdisches Leben. Doch will dieser sich auf den Deal nicht einlassen: Schlimmer, als für den Himmel die Religion der Eroberer anzuneh­men, wäre für ihn, mit ihnen auch dort noch zusammenleben zu müssen.

Was der Christ hier so väterlich und wohlwollend anbietet, muss dem Indigenen, der seine eigene Religion hat, vor allem aber seinen Stolz und seine Aufrichtigkeit, uner­träglich vorkom­men: Da verschachert doch dieser Spanier seinen alten Himmel ge­gen neue irdische Macht! Da nimmt er sich tatsächlich ohne jede theologische Recht­fertigung religiöse Privilegien. Da missbraucht er einfach Religion für Politik. Hier aber wird der hohe Vertreter der Reyes Católicos im fernen Spanien von einem Kazi­ken mit langem, fettigem Haar moralisch durchschaut. Die Hölle der Aufrechten ist ihm lieber als der Himmel der Charakterlosen.

Eine Erfindung der Taíno hat übrigens überlebt und ist mit ihrem Namen sogar bis ins Deutsche gelangt: die Hängematte, verballhornisiert aus la hamaca. Ruhet wohl!

12.01.18