153 Wolf

Begreifen, dass wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden, darauf haben wir keinen Einfluss. Das zu belachen, ist men­schenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.

Christa Wolf, Kein Ort. Nirgends, 1979.

Letzte Sätze sind dies. Schlussfolgerungen aus einem Dialog. Nachlassgedanken einer Begegnung, die nie stattgefunden hat. Wir, das sind hier Karoline von Gün­der­rode (1780-1806) und Heinrich von Kleist (1777-1811), die sich fiktiv begegnen, 1804 beim Tee in einem kleinen Kreis am Rhein, und einen fiktiven Dialog führen, beim an­schliessenden Spaziergang und abseits der anderen. Eine historische Gemeinsam­keit haben sie aller­dings: Beide werden sich, und dies dann garnicht fiktiv, bald ein­mal das Leben nehmen. Dieses brutum factum der Geschichte setzt die fik­ti­ve Be­geg­nung und den fiktiven Dialog allerdings in ein besonderes Licht.

Das eigene Leben als Entwurf eines Anderen? Das liest sich, als ob die beiden Poe­ten, deren Leben die Poesie ist, selbst poiesis von ferner Hand wären: Zeichnung eines fernen Malers, Skiz­ze eines fremden Baumeisters, Studie eines unbekannten Landschaftsarchitekten. Das hört sich an, als ob ein Höherer befugt wäre, sie zu ver­werfen und allenfalls wieder aufzugreifen: ganz so, wie es in einem grösseren Ge­stal­tungsprozess geschehen kann, wie Fürsten in Preussen oder Nassau zur Zeit der beiden ihre Schlösser, Parks und Gärten anlegen liessen. Wer dieser Andere und Hö­­­here ist, lässt Christa Wolf ungesagt. Nur dass der Entwurf auf ihn keinen Einfluss hat. Das klingt, als ob menschliches Leben von anderer Hand konstruiert und dekon­struiert würde und in fataler Abhän­gigkeit vom Konstrukteur bliebe: ganz so, wie sich Menschen im Zeitalter des Absolutismus als Marionetten an den Fäden eines willkür­li­chen Gottes vorkamen oder Kulturschaffende im Zeitalter des Sozialistischen Rea­lis­mus als ferngesteuerte Propagandisten der Diktatur.

Doch dann die grosse Überraschung! Dass die derart Entworfenen und Gesteuerten dieses un­mensch­liche Spiel belachen können und ihr Gelächter im Unterschied zum unwür­digen Spiel menschenwürdig ist: als ob ihre Poesie eine lachende Distanznah­me wäre und ihr Lachen eine distanzierende Poesie, mit der sie ihrem Konstrukteur dekonstruierend entliefen, still und leise. Dichtung als Réduit.

Gezeichnet zeichnend. Das liest sich wie die Zusammenfassung von allem. Kleist, Günderrode, Wolf in ihrem Zeitalter, vielleicht sogar jeder in seinem eigenen ist ein Gezeichneter im Sinn des Entwurfs, auf den er keinen Einfluss hat, Partizip Perfekt passiv und abgeschlossene Poiesis, dennoch aber auch ein Zeich­nender, der la­chend entschlüpft und selbst am Werk ist, Partizip Präsens aktiv und in einer offenen Poiesis, als ob die Zeichnung noch nicht fertig wäre, das Haus noch nicht gebaut und der Garten noch nicht angelegt. Existenz ist paradox. Das wäre das versteckte Ver­mächtnis der beiden in ihrem fiktiven Dia­log: Als von einem Anderen Gezeichneter ist der Mensch selbst ein Zeichnender, als Konstrukt fremden Willens selbst dennoch ein poetisch Konstruierender. Darin liegt seine Würde, dass er dabei lachen kann, ob­wohl seine eigene Poiesis offen bleibt wie eine Wunde.

Vita poetica ist bei Christa Wolf keine freiwillig gewählte Lebensweise, sondern der zwangsläufige Umgang mit dem, worauf sie eigentlich keinen Einfluss hat. Ihr Ein­fluss ist ihr Werk, und ihr Werk ist ihre Würde und Wunde. Der Roman erschien, als wollte sie die­se Art der Einflussnahme unterstreichen, gleichzeitig in der DDR, wo sie geblieben war, und in der BRD, wohin viele ihrer Freunde geflohen waren. Für Gün­der­rode und Kleist war die Wunde zu schmerzhaft. Sie dekonstruierten sich.

19.01.18