154 Rehmann

Dein Zimmer wird mein Arbeitsraum werden, grösser und heller als das Kabuff, mit dem ich bisher vorliebnehmen musste. Natürlich wir es immer ein Bett für dich ge­ben, aber ein Erinnerungszimmer will ich nicht, keinen Abstellraum, aus dem Vergan­genheit mir entgegenfällt, wenn ich die Tür öffne.

Ruth Rehmann, Übermorgen Sonnenschein, 1995.

Viele kennen das. Da hat man Kinder aufgezogen, sie umsorgt und gepflegt, und dann ziehen sie aus, gehen fort und lassen einen zurück. Ein Lebensabschnitt endet, ein Platz bleibt leer, ein Zimmer wird geräumt. Wer zurückbleibt, muss sich neu auf­stellen. Innerlich sich selbst und äusserlich die Dinge um sich herum. Der Abschied der Tochter von ihrer Kindheit ist auch ein Abschied der Mutter von ihrer Elternschaft. Er lässt niemand gleich­gültig. Er hat sichtbare Folgen. Er ist eine Schwelle.

Ruth Rehmann schreibt eine autobiographische Kurzerzählung. Soeben ist ihre Toch­ter als Letztes ihrer Kinder abgefahren. Nun steht sie in dem bis jetzt noch laut gewesenen Haus, denn Freunde der Tochter haben mit ihr gefrühstückt, bevor sie im voll­­gestopften VW-Bus fortgefahren ist in ein beginnendes anderes Leben. Nun be­sieht sie sich den unaufgeräumten Tisch und das ungeputzte Zimmer. Sie starrt in eine ungewohnte Leere. Zwi­schen Erinnerun­gen, die ihr leicht zufliegen, und Be­fürch­­tungen, die sie schwer bedrängen, macht sie jetzt eigene Pläne. Mehr Platz hat sie nun. Sie kann ihre Räume umwidmen. Neue Tü­ren gehen auf.

Sofort kommt ihr aber auch in den Sinn, was sie gewiss nicht will: kein Erinnerungs­zimmer an ihr letztgegangenes Kind, keinen Abstellraum, aus dem ihr Vergangenheit entge­genfällt, keine Gemach, dessen Tür sie nicht öffnen darf. Entscheidendes kommt ihr in den Sinn: Will sie den soeben beendeten Lebensabschnitt konservieren und ein Mu­se­um einrichten? Soll sie, was war, abstellen, wie man Souvenirs ablegt, bis sie eines fernen Tages dann doch auf den Flohmarkt wandern? Kann sie ihr jüng­stes Kind anders behandeln, als man wertvolle Fachwerkhäuser und berühmte Grös­sen der Geschichte behandelt? Ja, sie will es anders machen! Sie sieht ihre erwach­sen geworde­ne Tochter weder im Freilichtmuseum noch in Madame Tussaud’s. Sie schliesst die Epoche ab und widmet den Raum um. Sie holt ihn in ihre Gegenwart zu­rück. Statt eines engen Kabuffs will sie nun einen richtigen Arbeitsraum haben.

Das Bild von der Vergangenheit, die ihr entgegenfallen würde wie Gerümpel aus ei­nem Abstellraum, überzeugt. Es erinnert an Souvenirläden, Antiquitätengeschäfte oder Brockenhäuser, in denen man sich äusserst vorsichtig bewegen muss, weil sie bis unter die Decke vollgestopft sind mit Trödel, der jederzeit herabstürzen und her­um­­­poltern könnte. Gemeinsam ist diesen Buden, dass sie schöne Nutzlosigkeiten ent­halten, Gegenstände, die ihre Funktion verloren haben oder niemals eine hatten. Speicher der Eitelkeiten sind sie. Mit der ausgezogenen Tochter hätten sie nichts mehr zu tun, aber einen verletzen oder überschwemmen könnten sie, würden sie ihr unerwartet entgegenfallen. Vor allem wären sie Gerümpel einer unaufgeräumten See­le, die nichts abschliessen und keinen Strich unter einen Lebensabschnitt ziehen kann. Auch wären sie eine stille Entwürdigung der eigenen Tochter, die kein Kind mehr ist, sondern nun ein unabhängiges Leben versucht.

Rehmann empfiehlt, Vergangenheit abzuschliessen statt sie einzumotten oder zu ver­golden, nach der treusorgenden Mutter wieder ganz zur selbständigen Frau zu werden, Räume zurückzuerobern statt sie für unberührbar zu erklären, nach vorn zu schauen statt zurück. Odysseus schaut zurück und verliert, die er für immer haben wollte. Lots Frau schaut zurück und erstarrt, den Blick auf ein für immer zerstörtes Leben. Rehmann aber wird von der Mutter zur Gastgeberin: Ein Bett steht bereit.

19.01.18