260 Plessen

Noch vor dem Frühling: / Jetzt will ich reisen / die Träume / Vogel / Sonnenwind und Meer / und ich lese / schwirr wirr / Namen / Ione, Atthis / das Licht / In Gedichten, / ich lade mich den Worten auf / ‘... und Jupiter in seiner Gänse Obhut …’

Elisabeth Plessen, Sehnsucht, 2008.

Will ich auch. Am liebsten jetzt. Morgen. Draussen stürmt es, Unwetter sind ange­sagt, die Sturmwarnung am See hört nicht auf, rot zu blinken. Wechselndes Wetter zwi­schen Minus und Plus. Wolkenverhangen, nasskalt und eklig. Nichts wie weg.

Auch ich will jetzt schon reisen. Nicht warten auf Geburtstag und Pensionie­rung. Auf den Beginn des Frühlings und das freche Gelb der Narzissen. Noch vor dem Frühling will ich weg.

In meinen Träumen bin ich bereits woanders. Ein Vogel, der schon im Herbst unbe­merkt davongeflogen ist. Dortin, wo Sonnenwind und Meer heiter machen und aufat­men lassen. An mei­nem Schreib­­tisch im Zürcher Büro steht nur noch mein Gespenst. Mein alter ego ist bereits davongeschwirrt. Indem ich lese, entferne ich mich nicht nur räumlich vom grauen See im Norden und schwirre zum blauen Meer des Südens, zwei Stunden Flug zu den Küsten des Lichts. Nein, es bleibt nicht bei der Raumreise mit irgendei­ner Airline, sondern kommt auch zur Zeitreise auf den Flügeln des Ge­san­ges: Was dort östlich der Ägäis im Licht liegt, ist nicht die neue Türkei, sondern das alte Ionien. Als es blühte, lebten die Türken noch bei Uiguren und Mongolen. Und was dort west­­lich der Ägäis im Licht liegt, ist kein sich erholendes EU-Land mit Regierung in Athen, sondern das al­te Attika. Als Athen noch keinen Namen hatte, aber Einwohnerinnen und Einwohner, warben Poseidon und Athene mit Gaben um de­ren Gunst: Der Meeresgott stiftete einen Brunnen, aber dessen Wasser war salzig. Die Göttin der Weisheit und Kunst schenkte einen Olivenbaum. Ihn nahmen die Men­schen gern und waren hinfort Leute aus Athen.

In Gedichten konnte ich immer schon abtauchen, räumlich und zeitlich zu Küsten des Lichts entschwinden, im Gehäuse der Sprache ionisch und attisch werden, ein Ande­rer als ich. Wie Elisabeth Plessen kann ich mich Worten aufladen, als wären sie flie­gen­de Teppiche und ich Prinz Ahmed, als wären sie Wildgänse und ich Nils Holgers­son. Poetische Worte können mich entführen, davontragen, über Berge versetzen. Sie können mich aber auch schützen, biblische Poesie zumal, wie die Gänse der Ju­no in Rom ihren guten alten Jupiter: Bei ihrem Tempel auf dem römischen Kapi­tol wa­­ren Gänse zu Hause, die heiligen Tiere der Göttin. Wann immer ungebetene Gä­­ste sich näherten, Räuber oder Feinde, schnatterten sie eindringlich und unüberhör­bar. Ihre hei­li­gen Vögel gaben der Göttin den Beinamen Moneta, die Warnerin, und seit­her ist die Moneta, die Münze, aller Welt Money, weiblich und selbst der grosse Göt­terkönig in seiner Gänse Ob­­hut. Worte wie Münzen, die ihren Wert erweisen, wenn ich in Not bin und es mir die Sprache verschlägt. Worte als wahre Währung. Als göttliche Sicherheit.

Wenn predigen bedeutet, das Wort gegenüber dem Leben zu interpretieren und das Leben gegenüber dem Wort, ob Wort von Gott oder Wort von Menschen, stets hin und her, dann braucht es Träume und Gedich­te, alte und neue, Worte, denen man sich aufladen kann, weil sie einen fliegen lassen, und Worte, in deren Obhut man Si­cherheit findet, wenn Feinde der Wahrheit lauthals tönen und Räu­­ber der Tradition alte Wortschätze verscherbeln. Predigt braucht Poesie, um Wort und Leben zur Spra­che zu bringen, zur Welt, zum Leben.

Jetzt will ich reisen. Am liebsten schon morgen. Jedenfalls bald. Adieu Welt. Mag sein, dass ich dir dabei abhanden komme …

03.02.20