Textsammlung

Archiv der Wochentexte
145 Scheuermann

Es wäre klüger von euch, / nicht zu glauben, / dieser Grund könne gekauft / werden, gehöre euch. Oder sonst wem. / Immer noch sind Tag und Nacht die Besitzer, Regen und Licht.

144 Fathi

Zigarettenstummel, ein Zeitungsfetzen im Wind / wehen aus der Richtung des Abends / ein Fensterflügel öffnet sich / niemand ist da / alle sind fortgegangen / Luft hat ihren Platz eingenommen / Ich? / Ich bin ein verträumter hochhackiger Schuh / in Gedanken bei meinem Zwillingspump / durchstreife ich ziellos / die leeren Strassen

143 Gide

Wie um zu protestieren, sagte ich, während mein Herz heftig schlug, mit plötzlichem Mut zu ihr: „Nun, ich habe heute morgen geträumt, ich würde dich so fest heiraten, dass nichts, nichts uns trennen könnte – als der Tod.“ „Du glaubst, dass der Tod trennen kann?“ fragte sie. „Ich meine ...“ „Ich denke, dass er im Gegenteil annähern kann ... ja – annähern, was im Leben getrennt war.“ All das drang so tief in uns ein, dass ich sogar noch den Tonfall unserer Worte höre. Doch ihre ganze Bedeutung be­griff ich erst später.

142 Rossetti

O happy rose-bud blooming / Upon thy parent tree, / Nay, thou art too presuming; / For soon the earth entombing / Thy faded charms shall be, / And the chill damp con­suming. // O happy skylark springing / Up to the broad blue sky, / Too fearless in thy winging, / Too gladsome in thy singing, / Thou also soon shalt lie / Where no sweet notes are ringing. O frohe Rosenblüte / Auf elterlichem Busch, / Du musst vor Stolz dich hüten, / Da dich die Erde fordert / Und Schönheit welken muss: / Du bist schon bald vermodert. // O Lerche, fröhlich steigst du / Empor die Himmelsbahn, / Und keine Sorgen zeigst du: / Zu fröhlich ist dein Singen, / Denn bald schon liegst du da, / Wo nie mehr Lieder klingen.

141 Alberti

Puede ser que yo no sea / de este siglo. // No sé, si del que vendrá / o si del que ya se ha ido. // No siempre se puede ser / del momento en que se vive. / Nos pesa mu­cho el ayer. // Yo sueño con un futuro / que no le pese el ayer. Kann sein, dass ich nicht / aus diesem Jahrhundert bin. // Weiss nicht, ob aus dem, das kommt / oder aus dem, das schon gegangen ist. // Nicht immer kann man sein / aus dem Augenblick, in dem man lebt. / Uns beschwert das Gestern sehr. // Ich träu­me von einer Zukunft / die nicht vom Gestern beschwert ist.

140 Jacobsen

Und sie verspotteten ihn und riefen zu ihm hinauf: ‚Du, der du den Tempel niederreis­sest und ihn in drei Tagen wieder aufbauest, hilf dir nun selber; bist du Gottes Sohn, so steig herab von diesem Kreuz!‘ Da ward Gottes eingeborener Sohn in seinem Sinn erzürnt und sah, dass sie nicht der Erlösung wert waren, die Mengen, die die Er­de anfüllen, und er riss seine Füsse über dem Kopf des Nagels aus, und er ballte seine Hände um die Nägel in den Händen und zog sie heraus, so dass sich die Arme des Kreuzes wie ein Bogen spannten, und er sprang auf die Erde herab und riss sein Gewand an sich, so dass die Würfel über den Abhang von Golgatha herabrollten ...

139 Contreras Castro

Wenn ich etwas in den Tod mitnehmen könnte, dann wäre es das Geräusch des Mee­­res.

138 Wander

Darf man sich auserwählt fühlen durch ein Wunder auf Kosten anderer Menschenle­ben? Darf man solcher Art Gnade annehmen ohne Zweifel, Demut und Angst? Scha­piro, ein kleiner Textilienhändler aus Koblenz, ein ruhiger, etwas einfältiger Bürger, schloss sich im Zimmer ein, in den rituellen Tales gehüllt, und betete, dankte Gott, beugte sich vor dem unbegreiflichen Ratschluss des Herrn. Den Gebetsmantel, den lange vergessenen Tales, holten nun auch andere aus dem Koffer hervor. Der Unter­gang der Deventer hatte tiefe Löcher in den Bestand der Familien gerissen, wie in ihr Selbstvertrauen, hatte manchen Abtrünnigen wieder gläubig gemacht. / Wodurch wird der Mensch gerettet, fragte ich Sascha, unseren Prediger, was für ein Gott wäre das, der dich retten würde, indem er einen anderen ertränkt?

137 Walter

All dieses Können, dieses Wissen und die beinahe körperliche Verbundenheit Jean- Baptist Buchats mit den Eiffelschrauben – Paul Merliet, sein Kollege, pflegte später zu sagen und war auch bereit, dies jederzeit zu beschwören, Jean-Baptist habe mit den Schrauben gesprochen, und nicht selten sei es ihm gewesen, als hätten die leb­losen, stählernen Dinger, diese glotzenden und doch blinden Eisenwesen, Jean-Bap­tist geantwortet – kurz, diese ganz aussergewöhnliche Vorliebe Jean-Baptists zum Eiffelturm führte nach kurzer Zeit zur Beförderung, die allerdings mehr Ehren als Geld einbrachte.

135 Semadeni

Es sind immer die abwesenden Dinge, die so viel Platz einnehmen.

134 Ecevit

Es wird etwas geschehn morgen / sichtbar am verhalten / der pferde auf wiesen / sichtbar an stürmenden wolken / am wühlen der maulwürfe in der erde // sichtbar am eifer der ameisen / es wird etwas geschehn morgen / vielleicht eine knospe / viel­leicht das fallende laub eines baums / vielleicht auch ein kind // gewahren wir auch nicht ganz das weite / sichtbar am flug der vögel / es wird etwas geschehn morgen / weniger wichtig als übermorgen / wichtiger als heute

133 de Navarre

Puisque Dieu par pure grâce / M’a tiré à soy, / Et qu’en tous en toute place / Luy tout seul je voy, / Je suis remply de plaisir, / Veu que mon âme est s’amye. / Qu’il a d’Amour endormie; / Hé, laissez la dormir; Hé, laissez la dormir. // Da Gott aus rei­ner Gnade / Mich zu sich gezogen hat, / Und da ich in allem an jedem Ort / Ganz allein ihn nur betrachte, / Bin ich angefüllt mit Behagen, / so meine Seele seine Geliebte ist. / Da er sie vor Liebe einschlafen liess; / He, lasst sie schlafen; He, lasst sie schlafen.

132 Jaccottet

Toute couleur, toute vie / naît d’où le regard s’arrête // Alle Farbe, alles Leben ent­steht / wo der Blick einhält

131 Ebner-Eschenbach

Der Maulwurfshügel sprach zum Vulkan: ‚Du Weichling! Was tobst du und machst die Welt zum Zeugen deiner inneren Kämpfe? Auch ich habe die meinen, - wer aber hat mich jemals Feuer speien sehen?

130 Germain

Unlängst ist einer der Schwarzen verrückt geworden. Fünf seiner Kameraden, die eine Granate in die Luft geschleudert hatte, fielen, in Stücke gerissen, in seinem Um­kreis nieder. Da hat er sich zwischen diese Überreste von Leibern gesetzt und hat zu singen begonnen. Zu singen, wie sie bei ihnen zu Hause singen. Dann hat er sich entkleidet. Er hat sein Gewehr fortgeworfen, seinen Helm, und sich die Kleider herun­tergerissen. Er hat sich völlig nackt ausgezogen. Und dort in dem Kreis, den seine zerfetzten Kameraden bildeten, hat er angefangen zu tanzen. Ich glaube, die Boches auf der anderen Seite waren genauso überrascht wie wir. Das hat so lange gedauert. Es schneite. Da waren manche im Schützengraben, die weinten über das, was sie sahen.

129 Silhana

Was ist das, Einsicht ohne Mitleid? / Was ein Erlösungsweg, der anderen keine Hilfe ist? / Was soll das Recht, wenn es die Schädigung des Nächsten nicht beendet? / Und was ist heiliges Wissen, das nicht zum Frieden führt?

128 El Hor

Sie sehnen sich nach dem Urwald, wo sie bestimmt sind, über tausend Gefahren zu blü­hen. Wo die Luft, feuchtglühend und mit Inbrunst beladen, ihren Geruch begreift. Wo schillernde, giftige Insekten sie besuchen. Wo sie Gefährtinnen der Schlangen sind. Wo sie in ihrer kurzen Blütezeit spüren, wie Leben und Tod, Entzücken und Grau­en sie umschwirrt. Wo sie des Nachts bei den Klagelauten und dem hungrigen Gebrüll der Tiere regungslos leuchten. Wo am Tag Papageien und Affen zetern und – von allen Todesmöglichkeiten umlauert – sorglose Kolibris mit langem, spitzem, deli­katem Schnabel den Honig zu finden wissen, der in ihren tiefen Kelchen wartet. / Und im Schaufenster langweilen sie sich entsetzlich.

127 Chul-Han

So gehört zum Schönen auch die Negativität des Überwältigenden. Das Schöne geht weit über das Wohlgefallen hinaus.

126 Ortheil

Erst im rechten Querschiff, ganz in der Nähe der Vierung, knieten wir uns in eine Bank, und mein Blick schoss wieder hinauf in das hohe Gewölbe über dem Haupt-altar, wo es eine winzige, helle Öffnung gab, durch die das Sonnenlicht hineinströmen konnte. Ich glaube nicht, dass jemand sonst diese Öffnung bemerkte, sie war eines der vielen Details, wie sie nur Kindern auffallen, ein winziges, kreisrundes, helles, das Sonnenlicht einatmendes Loch, das Schlupfloch des grossen Gottes, der in diesem Dom sein eigentliches Haus und in die kleineren Kirchen seine Stellvertreter, seine Jünger und Heilige, vor allem aber die Gottesmutter geschickt hatte, damit sie einen vorbereiteten für das Schwierigste, dafür, seine Grösse zu ertragen und vor ihm zu bestehen.

Artikelaktionen