sonderBar

Rezensionen

Blickwinkel - aus literarischer Perspektive

Haben Sie dieses Buch schon mal gesehen? Kennen Sie Matthias Krieg? Blöde Fragen, sonst wären Sie ja vermutlich nicht hier. Aber es sind nicht nur, eventuell blöde, sondern auch rhetorische Fragen, die Antwort ist klar.

Warum frage ich das? Nicht, weil ich keinen Plan habe, nicht weiss, wie ich anfangen soll, es mit Kleist halte, der ja so schön „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ schreibt. Sondern, weil der Autor dieses Buches selbst so viele Fragen und rhetorische Fragen stellt. Z.B. im Text über Kleist, wenn er den Pfarrpersonen vorschlägt, sich vielleicht auch einmal auf einen Dialog mit dem Altsaxofon einzulassen, Zitat: „ohne von vornherein das letzte Wort schon zu kennen? Vielleicht, weil es ein letztes gar nicht gibt?“ Zitatende (Seite 99) Oder, wenn er am Schluss des Textes über Wilhelm Arent beunruhigend fragt: „Lohnt es sich heute, freudvoll von Versöhnung zu reden? Oder können wir nur noch freudlos auf Erlösung warten? Wer ist, der da nicht taumelt bei solchen Fragen?“ Zitatende (Seite 101).

Als Germanistin interessiert mich natürlich besonders, wie ein Autor mit der Sprache umgeht; und Matthias Kriegs Sprache in diesem Buch ist sehr gestaltet, er verwendet viele sprachliche Mittel und rhetorische Figuren.

Wissen Sie, was eine Metapher ist? In diesem Kreis sicher wieder eine rhetorische Frage. „Folgt unabwendbar die Menschheitsdämmerung, wenn der Vorhang der Götterdämmerung gefallen ist?“ Beispiel aus seinen Betrachtungen zu einem Gedicht von Jakob van Hoddis. Und im Text über den Auszug aus Elias Canettis „Gerettete Zunge“ heisst es: „Erstlinge bleiben gross auf der Netzhaut der Erinnerung.“ Manchmal verbindet sich eine Metapher mit einem Wortspiel, z.B. wenn das Thema des Romans „Göttlich“ von Christopher Coe zusammengefasst wird mit dem Satz: „Die Pose landet auf der Deponie.“ Ganz selbstverständlich verwendet der literarisch gebildete Theologe Begriffe wie Klimax und Oxymoron. Bei letzterem wird’s ja schon schwieriger: Kennen sie das auch? Ich zitiere Karoline von Günderrode: „O reiche Armut! Gebend, seliges Empfangen! In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen!“ – das sind Oxymora, die Matthias Krieg gleich weiterführt, wenn er sagt, dass diese Stilfigur hier “sinndumm oder scharfstumpf auf die Spitze getrieben“ wird.

Wie ist das mit der gattungsspezifischen Einordnung dieses Buches? Trotz aller handygeschuldeten Sprachverkürzungen gibt es ja heute wieder viele Grossformen: Elena Ferrante hat enormen Erfolg mit ihrer Neapelsaga, Peter Nadas hat eine über 1200-seitige Saga über seine jüdische Sippe geschrieben, Robert Menasse hat mit seinem Europaroman „Die Hauptstadt“ den deutschen Buchpreis gewonnen. Matthias Krieg wählt die fragmentarische Kurzform. Und man muss ja sagen, dass für passionierte, aber vielbeschäftigte Lesende solche gehaltvollen Kurztexte manchmal sehr wohltuend sind. Inspirationen seien das. Inspirationen sind subjektiv und haben fragmentarischen Charakter. Nebenbei: auch textimmanent kommen solche Fragmente gehäuft vor: „Vermissen“ (S.87), "Präsenz“ (S.99) „der Mensch elementar; die Elemente menschlich“ (Seite103).

Damit wären wir beim Titel: “Blickwinkel“ scheint mir sehr gut gewählt für dieses Buch. Es sind nicht Schlaglichter oder Streifzüge, nein, Blickwinkel. Blickwinkel müssen subjektiv sein, können nur einen Ausschnitt abbilden und sind gleichzeitig auch Programm. Matthias Krieg hat einen rezeptionsästhetischen Ansatz gewählt: Erst die Lesenden machen einen Text vollständig. Dieser Ansatz, der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts von Gadamer entwickelt wurde, stösst in unserer individuumsbetonten Welt heutzutage sicher auf viel Verständnis. Matthias Krieg geht von einem literarischen Text aus, fasst ihn oder seine Aussage zusammen, deutet ihn etwas und macht einen weitergehenden Bezug. Sehr anregendes Vorgehen.

Anregend sind auch die Bilder. Oft sind es ja Bildausschnitte. Hier wird der Titel noch viel augenfälliger: Diese Bilder sind so perspektivisch, dass man manchmal auf den ersten Blick gar nicht weiss, was gemeint sein könnte. Man muss  den Ausschnitt wirken lassen, seine Assoziationen zulassen, vielleicht auch seinen Blickwinkel ändern. Manchmal scheinen die Bilder unmittelbar zum Text zu passen, manchmal auch nicht. Macht nichts, schön sind sie auf jeden Fall. Und die Subjektivität des Schreibenden wird überstiegen: Rezeptionsästhetik eben.

Literaturgeschichtlich lässt mich dieses Buch an die Transzendentalpoesie der Frühromantik denken. Der Autor hat auch einen romantischen Text ausgewählt, den von Karoline von Günderrode. Ich selbst war immer fasziniert von den Frühromantikern, ihrem Versuch, ihre Dichtungen gedanklich zu untermauern. Die Transzendentalpoesie ist in ihrem Verständnis ja eine Vermischung von philosophischer Reflexion und ästhetischer Anschauung. Das scheint mir sehr gut zu diesem Buch zu passen: man könnte es vielleicht eine theologisch angehauchte Transzendentalpoesie nennen.

Und hiermit schliesse ich: Ich finde dieses schöne Buch mit seiner anregenden Mischung aus theologisch-philosophischer Reflexion und ästhetischer Anschauung sehr lesens- und betrachtenswert!

Regina Schellpeper, Rede zur Vernissage am 13. November 2017

 

Blickwinkel - aus theologischer Perspektive

Was für ein Buch! Allein schon der Buchtitel ist anregend. Blickwinkel. Blickwinkel setzt sich aus zwei Wörtern zusammen – jedes ist bereits für sich Programm.

Mit Blick verbinden wir in der Schweiz rasch die gleichnamige Boulevardzeitung. Einerseits: Das Buch ist das Gegenteil: Es tritt nicht marktschreierisch und kurzatmig auf, sondern differenziert, klug, leise. Andererseits: Das Buch ist genau wie Blick: Es hat eine boulevardeske Seite, denn es ist bunt und auch unterhaltsam; boulevardesk auch, weil Matthias mit uns gleichsam den Boulevard entlangflaniert und uns Merk-Würdiges erzählt. Wie ein hochkompetenter Stadtführer. Nur geht es nicht um eine Stadt, sondern um die Welt. Matthias lässt wortgewandt die Welt eintreten in unser Leben. Er lässt uns entdecken: Es braucht mehr Welt in unserem Leben. Mehr noch: Es braucht mehr Sehnsucht nach Gott in unserer Welt. In unserem Leben. Dazu weitet er unseren Blick.

Und dann das Wort: Winkel – natürlich: Das ist ein Wort aus der Geometrie. Aber mehr noch: Es bezeichnet auch eine entlegene, schwer erreichbare Gegend. Schwer erreichbare Gegenden hat Matthias in seinem Leben viele besucht – und das wird auch in diesem Buch deutlich, wenn er die Besuche in weit entlegenen Ländern einflicht und sie nahe bringt. Schwer erreichbare Gegenden haben es an sich, dass sie selten besucht werden. Dieser Aspekt wird zu einer Metapher: unsere Gesellschaft besucht immer seltener „Gegenden“ wie die Weltliteratur, die Bibel, die kleinen unauffälligen Dinge. Hier im Buch kommt alles zusammen und wird dadurch gross und vielbesucht. Matthias führt keine Vermessung der Welt durch – und schon gar nicht Gottes, aber er legt gleichsam Winkel an und bringt Weltliteratur-Sätze und Bibelworte, Welt und Glaube, persönliche Einblicke und fotografische Ausblicke in eine solche Beziehung zueinander, dass man staunt, wie er das macht. Da gibt es kein mühevoll-schwerfälliges Springen von Stein zu Stein, von Literatur zu Welt zu Leben zu Bibel und ins Nichts, um den Leser irgendwo hin zu bringen, wohin er vielleicht gar nicht will. Sondern leichtfüssig und ohne Verwinkelungen wird auf je einer Textseite völlig straight ein Thema entfaltet. So regen seine Texte an, weil sie sich je organisch entfalten und den Leser zum Nachdenken bringen. Und es wird deutlich: Sein Blickwinkel ist persönlich und perspektivenreich. Perspektive ist ja nicht nur ein Synonym zu Blickwinkel, sondern das dazugehörige Verb perspicere meint ja hindurchsehen, hindurchblicken. Und das stimmt: Da hat einer den Durchblick: 52mal.

Vier Texte wird uns Matthias heute lesen. Einen ersten Text haben wir gehört – zum Thema „Zeit“. Ich habe ihn ausgesucht. (Die Auswahl fiel mir schwer). Weil ich ihn typisch finde. Wir wissen: Zeitmanagement ist ein hohes Gut in unsrer Gesellschaft. Über Zeitmangel stöhnt jeder. Über ihr rasches Verfliessen. Matthias redet dagegen von der stockenden Zeit, die sich wie ein Element, wie Wasser, staut. Und in diesem Stocken der Zeit könnte Gott begegnen. Matthias gewinnt also dem, was zu unserem menschenzentrierten Alltag gehört, eine ganz andere überraschende Seite ab; eine des Glaubens. Um über Gott, das Leben und die Welt nachzudenken, braucht es Zeit. Einfach rasch abgerufene und schnell verwurstete Internet-Informationen sind das Gegenteil; sie bringen hier nichts. Genau für diese Zeit, die sich staut, die stockt, in der Gott begegnen könnte, plädiert Matthias. Das ist doch wie ein Aha-Erlebnis zum Thema Zeit. So wird der Alltag zum Sonntag. Und der Sonntag findet sich im Alltag wieder.

Matthias beherrscht das perfekt, was Bonhoeffer sagte: Nicht Gott irgendwie hineinschmuggeln ins Leben des Menschen, sondern die Mündigkeit der Welt anerkennen; nicht den Menschen in seiner Weltlichkeit madig machen, sondern ihn an seiner stärksten Stelle mit Gott konfrontieren.

Matthias findet viele starke Seiten des Menschen. Glück, Schönheit, Liebe, Erotik, … aber er verschweigt auch die problematischen Seiten des Lebens nicht wie Krankheit, Einsamkeit, Zerstörung, Krieg, … Nie lässt Matthias den Menschen allein, sondern er zeigt immer auf: Hinter dem Alltag und in den höchsten und tiefsten Amplituden des Lebens gibt es etwas, das trägt. So wie der Versöhner trägt: „Er ist mein Freund geworden. Einer der bleibt, wenn alle gehen.“ Oder wie Gott trägt: „Das Leben geniessen zu können, war die Folge davon, Gott gedankt … zu haben.“ (Seite 94)

Glaube ist für Matthias etwas, was elementar zu einem guten Leben dazugehört. Er leidet – und als Leserin und erst recht als Pfarrer leidet man mit - , wenn er feststellt, der Mensch meine, ohne Gott oder ohne Sehnsucht nach Gott leben zu können. „Die Leere der Altäre ist die Leere des Lebens“, schreibt er in einem Text, den wir nachher hören werden. Er leidet auch an seiner – unserer – geliebten Kirche und warnt klug, wenn er schreibt: „Religiöse Institutionen aber, denen die Sehnsucht nicht mehr anzusehen ist, aus der sie hervorgegangen sind, verlieren ihren Charme. Glaubensaussagen, denen das Feuer nicht mehr anzuspüren ist, das zu ihnen geführt hat, lassen einen kalt.“

Max Weber meinte einst, dass die Vernunft zu einer Entzauberung der Welt führe. Dies mache Religion letztlich überflüssig. Mancher meint, es sei heute so weit. Matthias zeigt das Gegenteil auf. Er findet viele Verzauberungen in der Welt: im Kleinen wie im Grossen, im Allgemeinen und im Persönlichen. Alles in der Welt hat immer mit Glauben zu tun – und mit dem Leben. Das Ferne hat immer mit dem Nahen zu tun. Im leeren Altar in Tibet spiegelt sich auch die innere Leere des Menschen in Zürich wider. Matthias zeigt auf, dass der Mensch die Sehnsucht nach Gott braucht. Dass Bibel und Literatur dialogisch zusammengehören. Und dass Glaube in dieser Zeit der Vereinzelung und der Vereinsamung ein umfassendes Gefühl formuliert; nämlich: das Gefühl, dass die ganze Menschheit gemeinsam Teil hat an den unvermeidlichen Ungewissheiten der Existenz (John Dewey). Das öffnet religiöse Räume und macht den Zauber des Glaubens heute in der Welt aus.

Kurz: Es braucht dieses Buch. Gerade heute. Denn es vakuumiert nicht den Glauben; es konserviert nicht den alten Zauber; sondern es transportiert unsere Sehnsucht nach Gott in zeitgemässen Metaphern und überraschenden Entdeckungen. So eine Metapher ist die verzaubernde Formulierung: „Der Jazz ist mir zum Gleichnis geworden für Gott. Er geht nicht auf in der Lauge meiner Deutungen. … Er improvisiert … in wunderbarer Brechung. Der gebrochene Gott ist mein Freund geblieben. Er mag Jazz, glaube ich.“ (Seite 93) Und wir auch.

Also: Herzlichen Glückwunsch, lieber Matthias, für dieses Buch.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Achim Kuhn, Rede zur Vernissage am 13. November 2017

 

Ansichtssachen

Ansichtssachen, ein Plural mit Absicht. Der Singular – die Ansichtssache – ist bekannt – die Mehrzahl sprachlich gesehen ein Ausreisser. Fast ein Schnitzer und darum originell. Aus einer subjektiven Anschauung, der federleichten persönlichen, womöglich privaten und darum beliebigen Meinung, wird das Ansichtigwerden bedeutsamer Dinge.

Es bleibt Matthias‘ Sache, klar, aber sind doch auch meine Ansichtssachen. Seite für Seite geschrieben, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, das Herz auf der Zunge und die Augen ganz Ohr, zwischen Wort und Bild schwebend, Bilder in Worte verwebend – auch optisch: in der Mitte als Achse ein Gedicht. Ein Buch so schön, dass einer rufen mag: tolle lege, nimm und lies! Und wie man sich vertieft und ehe man sich versieht wird aus Ansicht Andacht.

Freilich gibt es Andacht, und es gibt Andächtigkeit. Ob man diese ganz bestimmte Sorte Andächtigkeitsbücher mag, ist Geschmackssache. Ich muss ganz ehrlich gestehen: Wenn ich ein solches Bändchen mit Sonnenuntergängen, Herbstwäldern und Leuchttürmen, mit Psalmversen und Anselm-Grün-Engelssprüchen sehe, graust's mich. Wenn ich wieder einmal im Spital liegen sollte - was Gott verhüte - will ich keine überzuckerten religiösen Kalorienbomben. Dann will ich, sollte ich dann noch lesen können, lieber einen Krieg. 

Die Ansichtssachen eignen sich allerdings nicht für Bettlektüre. Zu unhandlich, zu klein gedruckt, zu viel Esprit. Sie wecken und machen nicht schläfrig. Ihre Andacht kommt aus der Anfechtung. Sie sind nicht für die Masse geschrieben. Ochlokratisch betrachtet haben diese Sachen nicht das Zeug, um gefällig zu sein. Die Texte sind viel zu geschmackreich für geistlichen Fastfood mit zu viel Salz, Fett und Zucker.

Liebe Glück, das verheissen ist, als Gefälligkeit, die aufstösst.

Die Ansichtssachen seien eine Perlenkette, sagt Lukas Spinner im Vorwort und gleich mit ihr: Sie sei kein Rosenkranz, den man beten soll, sondern Sprache, die man geniessen kann, den den Geist erfrischt und den Glauben belebt. So würde ich Predigt definieren.

Einige Ansichten predigen wirklich. Setzen ein frommes Schlusslicht. Aber nie schnappt die Jesusfalle zu. Man kommt als spiritueller Mensch ohne Sonntagmorgensitzleder noch einmal davon. Aber auch ich, der Hochreligiöse mit einer blühenden ekklesiogenen Neurose, komme auf meine Rechnung.

Ich freue mich über die Sprache, die meine gedörrten Gedanken auffrischt, die Wörter wendet und den Horizont sprengt. Ich wippe im Rhythmus der Sentenzen, höre den Klang der Akkorde, verfolge die Linie der Melodie und denke - nein spüre - es groovt. Das ist Jazz vom Besten. Das Härtling-Thema wird aufgenommen, gespielt und umspielt, variiert und neu phrasiert. Die Improvisation legt neue Klangräume frei. Das Gedicht wird nicht erklärt und die Sätze der Liebe nicht plattgewalzt, so dass man sich nach der Schlichtheit des Originals sehnen müsste. Mit wenigen Variationen und nur minimen Wortgaben – Auferstehung und Mysterium – bekommt das andere Leben, das der Dichter besingt, einen anderen Klang. Es verrutscht leicht. Eine harmonische Rückung – ternär phrasiert. Wie Schmetterlinge umflattern die Metaphern der natürlichen Metamorphose das Geheimnis – das Unsagbare und Unaussprechliche. Zwischen den Zeilen sind Lücken für biblische Bilder: die erkaltete Seele, die auftaut, die sich häutende Liebe, die neu wird. Ezechiels Gerippe, Jeremias steinernes Herz und Paulus' Bitte "lasst euch verwandeln" kommen mir in den Sinn. Und das Raupen-Schmetterling-Bild wird mir so lieb, dass ich die nächste Osterpredigt mit Hasen, Blumen und Pfauenschwanz-Lobpreis wieder besser ertragen kann.

Wochentexte sind es - auch hier sehe ich eine Familienähnlichkeit zur Predigt. Vielleicht sollte man sich die Ansichtssachen nicht an einem Abend auf einmal zu Gemüte führen: 52mal Alltagsbraten können aufliegen. Ich habe mich dennoch daran gemacht, fast alle zu lesen. Einiges war mir fremd: altjapanisches und südamerikanisches. Anderes vertrauter: Kohelet, Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn. Johann Peter Hebels Kalendergeschichten sind mir in den Sinn gekommen. Variationen eines Themas. Wochenkalender eines Weitgereisten, Tagebuch eines literarischen Flaneurs, Stundenbuch eines belesenen Beters.

Der erste Text ist ein Psalm eines iranischen Dichters, der betend dichtet, und der letzte Text schliesst mit einem Gebet aus dem 104. Psalm: Sendest du deinen Atem aus, werden sie erschaffen, 7 und du erneuerst das Angesicht der Erde. Alles mündet ins Lob. Das ist gut reformiert. Der Westminster Shorter Catechism formuliert wunderbar prägnant den reformierten Nachdruck auf die Bestimmung der menschlichen Existenz im Gebet. Das Bekenntnis antwortet auf die erste Frage, was denn dieses Ziel sei, mit dem ebenso schön wie knapp formulierten Grundsatz: "Man's chief end is to glorify God, and to enjoy him forever."

Vor dem Lob kommt aber die Klage. Und eine Textsammlung, die im Untertitel Inspiration verspricht und biblisch atmet, lässt den Geist mithören, der mitseufzt. In den Ansichtssachen sind es die Stossseufzer eines Menschen, der Aufsicht schlecht erträgt und die Vorsicht fahren lässt, wenn er da und dort dünnhäutig bekennt, was ihn bedrückt. Dicht ist die Sprache und doch transparent. Immer wieder Spitzensätze, die protestantisch stechen: „Die Kirche, die geht, mag zählbar sein, die Kirche, die kommt, muss glaubhaft sein.“ Die Erbsenzähler schütteln den Kopf, Heinemann und Marti nicken. Das Thema kehrt wieder wie ein Refrain: die Kritik am Zählbaren und das Lob der Erzählung. Matthias Krieg ist nicht nur der sprachgewandte Beobachter: Er wendet sich den Menschen zu, lässt sie sprechen und erzählen. Was, wenn wir einander, ob Habenichts oder Bonvivant, ob Tunichtgut oder Superstar, unsere Lebensgeschichten schuldig wären? Was, wenn Erzählen Würde erkennen liesse?

Schön. Nur ein Aber habe ich: Ansichtssachen gibt es schon. Es existiert ein Projekt der Kunsthochschule Nordwestschweiz, das so heisst. Ein Plagiat? Hören Sie die Umschreibung und urteilen Sie selbst: " Das Projekt Ansichtssachen geht der ästhetischen Fragestellung nach, wie sich durch ein parametergebundenes und gezieltes Vorgehen unkonventionelle Weltkarten generieren lassen, die durch ein gesellschaftlich relevantes Kartenthema kontextualisiert werden können. Im Projekt wird hierfür eine Software entwickelt, die es erlaubt, Parameter der darstellenden Geometrie sowie der Kartengrafik in einem explorativen Prozess kontrolliert zu kombinieren, um die gewünschten Weltkarten zu generieren." Wir sind beruhigt. Der Theologische Verlag Zürich muss nicht mit einer Klage rechnen. Kein Plagiat, dafür viel Plastik in wenigen Sätzen!

Matthias Claudius meint dazu: Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen, / Und ist doch rund und schön! / So sind wohl manche Sachen, / Die wir getrost belachen, / Weil unsre Augen sie nicht sehn. Das Runde im Halben sehen, das Schöne nicht vergessen, das Schlichte in den Raum treten lassen, dem Wunder die Hand hinhalten, den Pulsschlag des Kosmos erlauschen, der Dämmrung Hülle vertrauen, den Tod nicht fürchten und auf die Liebe hoffen, das alles ist mehr als nur Ansichtssache - es sind Ansichtssachen.

Danke, Matthias, teilst du sie mit uns!

Ralph Kunz, Rede zur Vernissage am 19. April 2016

 

Ansichtssachen zum Weiterdenken

Damit klingt bereits an, was den Inhalt und die besondere Qualität dieses Buches ausmacht. Es steht – wie sein Autor – auf dem Boden der reformierten Theologie und spannt zugleich den Bogen zu völlig anderen Denkzusammenhängen. Literarische und philosophische Texte werden gekonnt in Bezug zu Glauben und zeitgenössischer Theologie gesetzt.

"Lernen, ohne zu denken, ist umsonst. Denken, ohne zu lernen, ist gefährlich." Dieser Gedanke aus den Lehrgesprächen des Konfuzius etwa wirft kritische Blicke auf heutige Bildungs- und Lernzusammenhänge. Nicht das Konsumieren möglichst vieler Informationen und grosser Stoffmengen bereichert demnach unser Leben. Das ist Haschen nach Wind, wie es im biblischen Buch Kohelet heisst. Vielmehr entstehen persönliches Wachstum und eigene Ideen erst, wenn Gelerntes vertiefter durchdacht, verdaut und selbst angeeignet wird.

Oder Friedrich Schiller: "Der  Mensch ist frei geschaffen, ist frei. Und würd' er in Ketten geboren." Seine Gedanken zur Freiheit wecken Assoziationen zur Gegenwart, genauer zu Flucht und Migration. Lebensfreiheit, dafür sei der Mensch geschaffen, war Schillers Haltung. Solche Freiheit war aber nie selbstverständlich. Auch heute nicht. Was mag Gottes Gabe der Freiheit angesichts gegenwärtiger Fluchtsituationen bedeuten? Mit dieser Frage führt Matthias Krieg das Thema in unsere Zeit hinein.

"Rundbogen blicken zur Erde, Spitzbogen blicken Gott an, tragen den Traum, das Werde, das nie enden kann." Gottfried Benns Beobachtungen zu Kirchen und ihren romanischen Rund- und gotischen Spitzbogen erlangen im entsprechenden Wochentext ebenfalls eine überraschende Zuspitzung. Unvermittelt werden sie zu architektonischen Verkündern zweier unterschiedlicher und sich doch ergänzender Lebensgefühle: "Vertrauen und Sehnsucht, Bodenhaftung und Himmelslust, Ruhe und Drang".

Es ist faszinierend, wie scheinbar weit entfernte Gedanken miteinander ins Gespräch gebracht und kreativ weitergeführt werden, sodass sie direkt in unsere Zeit hineinsprechen und unerwartete Zusammenhänge zwischen Kirche und Kultur aufscheinen lassen.

Annemarie Bieri, Rezension in doppelpunkt vom 8. Dezember 2016

 

Klassiker auf den Punkt geschrieben

In Ansichtssachen spinnt Matthias Krieg seine liebsten 52 Sätze in Wort und Bild weiter. Was banal klingt, schafft der Autor klug und ausdrucksstark. Dabei fügt er mit grosser Leichtigkeit Biblisches und Literarisches zusammen und lässt die – auch immer wieder vertrauten – Sätze in einem neuen Kontext erscheinen. Ansichtssachen ist ein ansprechendes Buch und ein Begleiter durchs Jahr. Ein ideales Geschenk, auch für sich selbst.

aae, Rezension in bref vom 15. April 2016

 

Ansichtssachen

Der Germanist und Theologe Matthias Krieg hat ein Buch geschrieben, das man am besten mehrmals zur Hand nimmt, um es innerlich wirken zu lassen. Bei Ansichtssachen handelt es sich um eine Sammlung von 52 Meditationstexten, in denen der Autor von literarischen und religiösen Zitaten ausgeht und deren Essenz zu ergründen versucht. Dichter wie Gottfried Benn und Mascha Kaléko inspirieren ihn genauso wie PhilosophInnen, Theatermacher, japanische Haiku-Dichter – aber auch Bibelsprüche und Graffiti auf Hauswänden. So unterschiedliche seine Meditationen sind, immer wieder sucht der intellektuelle Mystiker behutsam nach Worten für das, was er auch „Auferstehung“ nennt: das „Aufspringen einer anderen Welt“, in der die Seele eine „bunte, schwebende, federleichte, Bergung im ganz anderen“ erfährt. Die Bilder zu jedem Text hat der weit gereiste Autor gleich selbst fotografiert.

Sabine Schüpbach, Rezension in Spuren vom Sommer 2016

 

Gefundene Worte

Seit einem guten Jahr bin ich begeisterte Leserin der Wochentexte von Matthias Krieg. Mehr zufällig wurde ich auf diese Texte aufmerksam ... Seit Mitte April sind sie in Ansichtssachen, einem wunderbaren Buch von Matthias Krieg, zu lesen.

Der Autor präsentiert in seinen Texten Lieblingssätze aus der Weltliteratur, an Hauswänden, aus der Bibel oder in Bahnhofshallen. Er scheint mit offenen Sinnen, geduldiger Aufmerksamkeit, einem immensen Wissen, einem wachen Herzen und einer anteilnehmenden Neugierde durchs Leben zu gehen. Den „gefundene Worten“ geht er auf den Grund, spürt ihnen nach, und versucht, deren Kernaussage freizulegen. Damit denkt und gestaltet er die Texte weiter und neu. Seine Inspirationen sind feinsinnig, persönlich, weise, horizonterweiternd, herzerwärmend. Sie bringen das Literarische der biblischen Texte und das Religiöse der belletristischen Texte zum Klingen und zum Leuchten ...

In den Inspirationen von Matthias Krieg scheinen immer wieder die Hoffnung und der Wunsch nach einer verbesserten Kultur des Miteinanders auf. Einander in guten Begegnungen Gehör und Aufmerksamkeit schenken. Anteilnahme am Du. Ein Potential, das weder gemessen noch gezählt werden kann, wohl aber erzählbar und erkennbar ist. Überall und immer wieder.

Ursula Tritschler-Schneider, Rezension in reformiert.lokal Uster vom Juni 2016

Zuschriften

Wer solche Texte schreiben kann und sie mit so viel Bilder-Freude publiziert, hat viel Staub gesammelt und vielleicht auch zeitweise gefressen - und nun kann sich vieles häuten, kann neues Leben werden, können Gefängnisse gesprengt werden. Brich weiterhin auf und lass uns an Deiner Ernte teilhaben. Du hast viel Leben in Staub und Kiesel gefunden ...

Benjamin Stückelberger, Pfarrer und Musicalproduzent in Meilen ZH, Mail vom 20. April 2016

 

... Zu Hause angekommen, las ich das ganze Buch durch, das Härtling-Gedicht, das Du gelesen und über das Du geschrieben hast, mehrmals, suchte noch mehr Härtling-Gedichte im grossen Conrady und bestellte mir im Internet um 3 Uhr morgens den Gedichtband aus der Härtling-Gesamtausgabe. Seitdem liegt er neben Deinem Buch griffbereit auf meinem Schreibtisch, und beide machen mir immer wieder Freude und bringen mich zum Staunen.

Vreni Scheuter, Synodale in Zürich, Brief vom 30. Mai 2016

 

Übrigens gratuliere ich zu "Ansichtssachen" von Matthias Krieg, etwas vom Schönsten und Anregendsten, was 2016 erschienen ist!

Thomas Brunnschweiler, Schriftsteller und Theologe, Mail an Lisa Briner vom 2. September 2016

 

... nun möchte ich mich endlich für Dein wunderbar geschriebenes Buch bedanken. Viele Abende schon habe ich regelmässig vor dem Einschlafen Deine Gedanken gelesen, und Du hast mir in so vielen Bereichen aus der Seele gesprochen. Dein fundiertes Wissen und Dein unglaublicher Wortschatz bereichern diese Gedanken umso mehr ...

Torsten Andreas Hoffmann, Kunstfotograf in Frankfurt und Goslar, Mail vom 4. September 2016

 

... Deine Ansichtssachen begleiten mich nun schon all die Tage ... und ich lese nun jeden Tag eine Deiner Ansichten. Ich danke Dir, es sind berührende, tiefsinnige, wunderbare, und mir ins Herz und in die Seele sprechende Texte, und so wahr, wenn ich die Binsenweisheit der zählbaren und der glaubhaften Kirche lese ... Ich danke Dir einfach sehr, Du hast eine grossartige Begabung bekommen, zu sehen, zu denken und zu schreiben.

Christoph Sigrist, Pfarrer und Reformationsbotschafter in Zürich, Mail vom 17. Juni 2016

 

Eben habe ich Deine "Ansichtssachen" zu Ende gelesen. Ich denke, Dir ist mit diesem Buch ein ganz grosser Wurf gelungen - Kompliment, Kompliment. Man nimmt das schlanke Buch schon einfach so gerne zur Hand. Je ein Bild und je ein kurzer Text, das ist sehr einladend. Was einem dann auf einer einzigen Doppelseite entgegentritt, ist das pure Gegenteil von Kurzfutter. Du gehst als hellwacher Mensch durch die Welt, durch Länder und Städte, und genau so durch Texte, durch Geschichte und Gegenwart. Überall findest Du "es" ...

Das Buch ist ist durch die Kombination so vieler Schichten und Eindrücke und durch die fast virtuose Handhabung der Sprache nicht ohne Ansprüche an die Leser. Aber jeder und jede wird sich immer wieder angesprochen fühlen und mit hohem Interesse Deinen Gedankengängen folgen ...

Es ist Deine Art, aus ein paar Fasern, die Du in die Hand nimmst, einen Faden zu knüpfen, ein kleines, prägnant formuliertes Thema zu entwickeln. Als Leser folge ich der Entwicklung dieses Fadens mit grosser Spannung, seinen Windungen und Wendungen, seinen Überraschungen ...

Peter Siber, emeritierter Theologe und Erwachsenenbildner in Bassersdorf ZH, Brief im Mai 2016

 

Das ist ja ein Adventskalender besonderer Art, der mir da so überraschend -  wie vom Himmel, ins Haus kam! Ich habe irgendwo aufgeschlagen, Alice Munro traf es, und von ihr lese ich gerade jede Woche eine der neun Erzählungen von "Himmel und Hölle". Schöner als Du kann man's nicht sagen: "Nichts Spektakuläres passiert da, aber eine große Arbeit wird verrichtet." Treffender sind wohl auch kaum Deine "Blickwinkel" zu charakterisieren. Am Kokon kratzen, Flügel putzen … Nun also gleich 52 Proben Deiner großen Kunst, Deines genauen Blicks, Deiner überraschenden Assoziationen, Konnotationen zu biblischen Texten.

Isbert Schultz-Heienbrok, emeritierter Pfarrer in Berlin, Mail vom 13. Dezember 2017